Wenn man mit älteren, eingefleischten demeter-Mitbäuerinnen und -bauern der nördlichen Gegend spricht und dieses Gespräch die landschaftliche Gestaltung des WeidenHofes hat, dann werden meist in Sekundenbruchteilschnelle die Hecken des Hofes mit hoch lobenden Tönen und anerkennend hochgezogenen Augenbrauen erwähnt. Das, was den Hof unter anderem wesentlich ausmacht, sind seine vielen, mittlerweile mächtigen Hecken rund um alle Weideflächen und überhaupt überall hier und da auf dem Hof. In einer stark industriell ausgerichteten Landwirtschaft gibt es eher die Ansicht, alle Hecken müssten eliminiert werden. Zur Vergrößerung der Felder und Weiden, damit diese effizienter mit größeren Maschinen bearbeitet werden können. Hecken sind in diesem Verständnis eher eintönige Begrenzungspflanzungen zum Nachbarn, die jährlich mit aufgestelltem Mähwerk in Form gefräst werden. Außerdem klauen die Mistviecher Wasser und Sonne und erdreisten sich, den Bewuchs unter ihnen zu verändern.

Baumsämling

Kulturgeschichtlich ist das eine ganz frische Marotte, die der Mensch sich erst in jüngster Vergangenheit zugelegt hat. Bevor es Stacheldraht und Elektrozäune gab, pflanzte der Mensch bewusst Hecken, um sich und sein Gehöft, bzw. seine Felder einzuzäunen. Der „Hag“ war ein umfriedetes Gelände, welches mit Heckenpflanzungen oder Erdwällen und geflochtenem Zaunwerk aus Hasel und/oder Weide geschützt wurde. Der Schutz galt gleichsam für die Wiesen und Felder, als auch für das Haus. Und so kommt es, dass wir manchmal immer noch das Wort „behaglich“ benutzen, wenn wir umschreiben wollen, dass ein Ort gemütlich ist und wir uns sicher fühlen. So ähnlich muss es bei den Menschen früher gewesen sein, die ihre Tiere friedlich eingezäunt und beschützt wussten und alles „Wilde“ da draußen hinter der Hecke ließen. Inklusive irgendwelcher Feen und Kobolde, die hinter den Hecken im Wald lauerten. Nur die unter Menschen lebende Hagezusse, die alte Hexe, blieb ein wenig unheimlich, die sich so sicher durch den Wald bewegte als auch durch die Siedlung und offensichtlich keine Angst vor dem unheimlichen Dickicht da draußen zu haben schien. Sie konnte genauso wie die kleinen Feen durch die Löcher in den Hecken schlüpfen und so zwischen der wilden Natur und der menschlichen Kultursiedlung hin- und herreisen.

WeidenHof -Weg

Um diesen Schutz wirksamer zu gestalten, wählte man die Gehölzarten zum Teil bewusst aus. Entweder, weil starke Stacheln und Dornen die Hecke undurchdringlicher machten, oder weil bestimmten Sträuchern oder Bäumen eben bestimmte Eigenschaften nachgesagt wurden. Oder es war ein Mischmasch aus beidem. Und so gibt es die spannendsten Heckengehölze, die zum Teil auch in den weidenhöflerischen Hecken zu finden sind. Da wäre allgegenwärtig die Hasel, ein Strauch mit vielen aufrecht schießenden Stämmen, der fünf, sechs Meter hoch werden kann. Sie besiedelte Mitteleuropa nach den Pioniergehölzen Kiefer und Birke in der mittleren Steinzeit und wurde dann von den aufkommenden Eichenmischwäldern zum Strauch degradiert. Aber die Achtung, die die Menschen ihr entgegenbrachten war dagegen groß. Von ihren nahrhaften Früchten angefangen, wurde sie in vielerlei Hinsicht benutzt. Um Wasseradern zu finden, Speere herzustellen, seine Tiere sicher einzuzäunen, da man der Ansicht war die Hasel „hüte“ das Vieh und die Wahrheit, weshalb man auch Streitkämpfe in ausgelegten Haselruten ausfocht. Unseren Tieren schmecken die großen saftigen vitamin- und mineralreichen Blätter wunderbar. Besonders im Frühsommer, wenn sie noch frisch sind, sind sie ein besonderer Leckerbissen nach den winterlichen Strapazen der Lammzeit. Genüsslich werden sie gründlich durchgekaut, während die Tiere unter den Hecken auch noch Schatten in den manchmal schon recht sonnigen Tagen finden. Mehr medizinisch wirken die Blätter von Weißdorn, Weide, Esche oder auch Eiche. Während die letztere besonders gerne gefressen wird, um die von Würmern geplagten Darmschleimhäute zu regenerieren, lässt sich daraus auch besonders schönes, haltbares Laubheu machen, was im Winter ein wunderbarer Zusatz zur Heufütterung ist. Weide oder Esche helfen bei leicht fieberhaften Erkrankungen mit ihrer antiseptischen Wirkung und der Weißdorn ist auch bei den Menschen ein bekanntes Herz- und Kreislaufmittel – genauso bei den Tieren. Zudem war der Weißdorn eine ideale Pflanze, um mit seinem im Alter immer dichteren Dornengebüsch den Hof vor Eindringlingen zu schützen. Das galt nicht nur für die an den Menschen gebunden Bewohner. In einem dicken alten Weißdorngebüsch, vielleicht noch im Verbund mit der Schlehe, finden auch kleine Vögel Schutz vor denen, die sie fressen wollten, so dass sie dort gerne brüten. Im Herbst gibt ihnen ihr Zuhause dann noch nahrhafte rote Beeren. Besonders hübsch wird solch eine Hecke noch durch die Heckenrose. Apothekerrose, Hundsrose, Hagebutte – auf dem WeidenHof begegnet man ihr immer wieder, in verschiedenen Formen sogar. Die üppige, schön riechende, bekannte, weißlich-rosa gefärbte und die mit kleineren Blättern und gelblichen Blüten und noch aromatischer riechende. Sie muss wohl so gut schmecken, dass unsere Tiere gerne ihre Mäulchen spitzen, um an den Dornen vorbei an die duftigen Blätter heranzukommen. Den Tee der Früchte dieser Pflanze geben wir immer noch gerne unseren Kindern zu trinken. Es ist eben die Pflanze der Liebe, diese Rose, hier in ihrer Wildform. Ihr robuster Wurzelstock wird heute gerne verwendet, um veredelte Rosenarten darauf wachsen zu lassen. Eine dieser hoch verehrten Rosen kommt aus Syrien, dessen Name sich von „Suri“ ableiten soll, dem „Land der Rosen“, wie mein Baumbuch die Information hergibt. Es ist schon eine schmerzliche Ironie in diesem Zusammenhang, dass die Kinder dieses Landes in der heutigen Zeit kein Syrien der Rosen und der Liebe kennenlernen dürfen. In alter Zeit schüttete man übrigens gerne das Badewasser von Neugeborenen unter einem Rosenbusch aus, damit das Kind rosige Wangen bekäme….

WeidenHof-Weg-Herbst

Neben der Erle, der Pappel, der Robinie, der Linde, der Buche, der Eibe, der Lärche, der Kiefer, der Fichte und Tanne, der kanadischen Eiche, dem Ahorn und der Birke findet man die vorher genannten Sträucher, sowie Traubenkirsche, Brombeere, Himbeere, Hopfen, Faulbaum, hier und da mal ein Pfaffenhütchen und eben den Holunder. Ich hoffe, ich habe niemanden vergessen… Der Holunder ist ein altehrwürdiges Gehölz. Nahezu der komplette Strauch ist medizinisch verwendbar, die Rinde gegen Durchfall, die Blüten bei Kopfschmerzen und die Beeren, hier im Norden als „Fliederbeeren“ bekannt, wirken mit ihren schweißtreibenden Eigenschaften gegen fieberhafte Erkältungskrankheiten. Allerdings wurde der Holunder in alten Zeiten als Sitz der Göttin Hel, woraus sich unsere etwas umgänglichere Geschichte mit der Frau Holle entwickelte, gesehen und als Schutzbaum auf jedem Hof verehrt. Man glaubte, ihm seine Krankheiten anbinden zu können, mit ihm das Vieh vor Krankheiten bewahren zu können und in Tirol sollen ältere Leute angeblich immer noch den Hut vor dem Holunder ziehen. Die alte runzelige Rinde eines Holunders erinnert ja noch ein wenig an die Hexe, die „Heckenreisende“ – kein Wunder, wenn diese mit dem Holunder wohl eine so gute Beziehung gehabt hatte, da sich allerlei Wehwehchen mit ihm vertreiben lassen. Aber da dieser Strauch eine solch starke Beziehung zu der unterweltlichen Göttin hatte, die die noch nicht geborenen Seelchen hütete, konnte man ihn auch um Erfüllung eines unerfüllten Kinderwunsches bitten, wie sich noch in den harmlosen Kinderreimen der heutigen Zeit erkennen lässt: “…wir sind der Kinder dreie. Wir sitzen unterm Hollerbusch und machen alle husch husch husch…“

WeidenHof-Weg-Winter

Ich könnte hier ewig weiterschrieben über all diese vielen sagenumwobenen pflanzlichen Heckenbewohner, allerdings fehlt dafür der Platz. Und ich habe ja noch gar nicht erwähnt, dass Hecken an sich einen eigenen Lebensraum bilden. Abgesehen von den unterschiedlichsten Vogelarten, die gerne in den Hecken brüten oder dort Nahrung finden, finden auch Amphibien und Reptilien in dem eher feucht-kühlen Heckenklima Schutz. Nagetiere und andere Kleinsäuger nutzen sie ebenfalls. Fledermäuse und Vögel orientieren sich an den Linien, die Hecken in die Landschaft malen. Hecken bilden also ein ganz eigenes Ökosystem, eine eigene kleine Welt, die wir diesen kleinen Wesen nehmen, wenn wir zugunsten von Effizienz solchen „Spielkram“ wegrechnen und -roden.

Biene in der Lindenblüte

Doch auch landwirtschaftlich sind sie nicht uninteressant. Gerade hier im alten Moor brachen sie den Wind, der manchmal heftig über das Land fegt. Sie regulieren die Verdunstung und die Bodenerwärmung und reichern mit ihrem Laub den Humusgehalt der Böden an. Vorausgesetzt natürlich, man mag kräuterreiche Wiesen, denn hocheffiziente Futtergräser mögen den starken Laubfall im Herbst tatsächlich nicht so gerne.

Eis in der Hecke

Unsere Tiere lieben die Hecken genauso wie wir. Sie genießen den Schatten im Sommer, den Windschutz im Herbst und freuen sich über das reichhaltige Zusatzfutter, wenn ihnen der Heckenschnitt dargeboten wird oder Hecken-, bzw. Baumfrüchte auf die Weide fallen. Und da die Hecken des Hofes eine eigene kleine Welt sind, verdienen sie auch ihre eigene Beachtung und Pflege. Auch wenn dabei kein vermarktbares „Produkt“ herauskommt. Unsere vier Ziegen, die ansonsten ziemlich unproduktiv auf dem Hof rumgammeln und sich ihren kleinen Bauwagenstall immer an frische Weideplätze bringen lassen, helfen dabei, die Kostbarkeiten der Heckenwelt sinnvoll zu verwerten. Sie schälen die Rinde von geschnitten Ästen, bekommen als vorwiegend laubfressende Wiederkäuerart dabei auch noch genau das richtige Futter und hinterlassen Feuerholz für unsere Hoffest-Lagerfeuer. Auf die Art wandert Martin mit den Vieren die vielen Kilometer Hecke des Hofes im Jahreslauf systematisch ab. Und wenn man ihm einmal beim Heckeschneiden zugesehen hat, geht einem das Herz auf. Wie ein Bildhauer versenkt er sich in sein „Material Hecke“ und schnitzt mit der Telekopschere Bögen und Rundungen heraus. Vom Schneiden sieht man nachher kaum noch was. Aber wenn man auf dem mit Hecken gesäumten, frisch gepflegten Mittelweg unserer Weiden entlangläuft, ist es, als wandele man im Säulengang einer gotischen Kathedrale. Nur dass dieser nicht aus kaltem Stein besteht, sondern aus einer vielfältigen und reich belebten Gemeinschaft von im wahrsten Sinne wunderbaren Bäume und Sträucher.

Baumspiegelung im Wasser