O schaurig ist’s übers’s Moor zu gehen… ich weiß nicht, ob ihr ab und an mal durch das Pietzmoor bei Schneverdingen wandert, es ist eine Erfahrung wert, besonders wenn man dabei seine Gedanken schweifen lassen kann und en wenig wundert und staunt über Natur- und Kulturlandschaften und wie Landschaft mit Menschen zusammenhängt. Also lasst uns doch mal gedanklich losgehen vom quirligen „Hotel Schäferhof“, wo erstaunlich viele Touristen die Ruhe der Natur suchen, vorbei am echten Schäferhof, wo der nette irische Schäfer Zuhause ist, der zu Schafen und Hütehunden immer einen klugen Ratschlag hat, den ihm sein lebenslang gelebtes Schäferdasein als Erfahrungen mitgeschenkt hat und der dort die Heidschnucken des VNP hütet. Weiterziehen an den Touristenunterkünften, bemerken, wie der Boden ohne Asphalt ganz sandig ist und man inmitten einer einsamen Heide läuft, wären da nicht die vielen Parkplätze, Hinweisschilder und vielen vielen Stimmen. Und dann, wenn der Weg ins Pietzmoor schon fühlbar wird, wird man von der hölzernen Moorschnucke Meike noch einmal freundlich auf die Zusammenhänge Schaf – Heide – Moor aufmerksam gemacht, wobei sie ganz nebenbei erklärt, dass durch die stärkere Moornutzung ihre eigene Art dabei ist, auszusterben. Und schon wandert man unter den Bäumen entlang, die selbst je nach Jahreszeit dunkel und unheimlich sind, bis der Holzwanderweg erscheint und man die Stufe zum Moor erklimmt. Je nach Jahreszeit ist dann nichts mehr dunkel und unheimlich. Im Gegenteil, die vielen zarten und ungewohnten Pflanzen und ihre geballte Farbenpracht, das in der Sonne glitzernde schwarze Wasser und die vielen wechselnden Ausblicke auf unterschiedlich gestaltete Moorbilder machen insgesamt eher einen sehr berauschenden und beglückenden Eindruck. Es gibt sie also, die Dinge, die die Natur so wunderschön gemacht hat, ohne dass ein Mensch da je seine Finger im Spiel gehabt hätte.

Foto: Pitzmoor

Schon seit dem Mittelalter versuchte der Mensch, Moorflächen ackerbaulich nutzbar zu machen. Die Zahl der Menschen wuchs und wollte versorgt werden, da muss Land her. Und so lauerten die Menschen seit jeher auch schon auf die vielen Moorflächen Niedersachsens. In der Begegnung mit der ausgeprägten Kulturlandschaft „Heide“ ist die ausgesprochen natürliche und menschenleere Landschaft „Moor“ ein sehr reizvolles Nebeneinander von so gegensätzlichen Standorten - wenn man sie einmal vom menschlichen Standpunkt aus betrachte.

Foto WeidenHof

Ganz so einfach war die Begegnung zwischen Mensch und Moor nie. Als der Mensch entdeckte, dass zumindest schon einmal mit der Torfnutzung ein Profit aus dem Moor zu ziehen war (oder zumindest eine Überlebenschance, je nachdem welchen Stand der betreffende Mensch innerhalb der Gesellschaft hatte…), machte er sich daran zu schaffen. Er trocknete es aus, wobei aus der ozeangleichen traumhaften Erinnerung des Moores auch die ein oder andere Leiche zutage trat. Das Moor als Gedächtnis der Erde. Sogar Wollstoffe werden konserviert, da sie vom zersetzenden Sauerstoff gänzlich abgekapselt werden.


Foto: Pietzmoor

Es folgten harte Zeiten für den Menschen, der vom Moor leben wollte – oder musste. Die Lebensbedingungen der Fehntjer – der ersten Siedler in den Fehnsiedlungen mit ihren Torfhütten, waren erbärmlich. "Den Ersten sien Doad, den Tweten sien Not, den Dridden sien Broad" heißt es. Körperlich heftigste Arbeit wie das Torfstechen, dazu noch eigene kleine Hofstelle und spärliche oder kaum Erträge aus den frisch umgepflügten Moorböden, schwierige Viehhaltung aufgrund von Mangelsituationen und allem anderen als fetten Weiden. Wie viele Frauen zu nicht allzu lang vergangener Zeit noch beschuldigt wurden, das Vieh verhext zu haben! Auch hier in der Gegend des Rieper Moors.

Foto: nah beim WeidenHof

Zwar leben wir heute auf dem WeidenHof nicht mehr in Torfhütten und Brot haben wir für’s erste auch genug, aber man fühlt es doch noch überall – dieses Moor. Ob im Winter in unserem Wald, wenn das Wasser schwarz in den Gräben steht und kahle Bäume in den Himmel aufragen, dazwischen Birken und dürre Gräserhorste.Oder wenn der Nebel über unsere Weiden zieht und alles ein wenig gespenstischer macht. Oder an den nassen Stellen der Weiden, die halt eben nass sind, egal, was man tut und an den Binsen, die manche Weiden zu erobern versuchen. Auch unser Rieper Moor wurde erst vor hundert Jahren „kultiviert“, das heißt, der Boden wurde tiefgepflügt, bis auf ein meter und sechzig. Dabei wurde der Boden sozusagen einmal schräg auf den Kopf gestellt – ich kann mir vorstellen, dass Mutter Boden nicht ganz so erfreut war über die ruppige Behandlung und die Zerstörung ihrer jahrhundertelang fein aufgeschichteten Erdkruste. Machen mussten das Kriegsgefangene. Moorsoldaten. Und dann sollten daraus kleine Hofstellen für Rückwanderer aus Russland entstehen. Allerdings scheiterte das immer wieder im Rieper Moor. Der Boden sollte bebaubar werden, woran verschiedene Menschen jahrelang arbeiteten. Wenn man sich überlegt, wie schaurig ein frisch zerstörtes Moor aussieht, braun und schwarz, ohne Baum oder irgendwas in der Art, wo der Wind darüber fegt und ganze Saaten mit sich reißt. Dann hat man eine ungefähre Vorstellung vom Urbarmachen des Moores. Vor 50 Jahren hieß es noch, das Land, welches zum WeidenHof gehörte „gab doch nichts her“. Ackerbau gelang nur mäßig, Viehzucht gar nicht. Also wurden Weiden angebaut, die zur damaligen Zeit in Alltagsgegenständen noch verarbeitet wurde. Mit dem Plastikaufkommen hatte es auch damit ein Ende. Keine jungen Menschen aus Lünzen und Umgebung schnitten im Winter noch Weiden, um sich etwas dazuzuverdienen.

Foto: WeidenHof

Aber der Hof wurde nochmals in Kultur genommen und sollte wieder ein Hof werden. Erst mit Acker und ein paar Schweinen, dann mit Milchkühen, heute mit solidarischer Landwirtschaft. Es wurde aber auch Zeit dafür. Dafür, dass wir uns mit der Erde solidarisch erklären und vielleicht ein versöhnliches Wort an die Mutter im Boden richten, ihre durcheinandergewirbelten Erinnerungen ein wenig beruhigen und ihrer Freigiebigkeit mehr Aufmerksamkeit und Respekt zeigen. Ich glaube, sie findet es auch ganz schön, wenn wir gemeinsam mit ihr diesen Hof aufbauen und gestalten, sofern wir achtsam mit ihr umgehen. Denke ich zumindest manchmal - wenn ich meine Gedanken so durch das alte Moor ziehen lasse…

Foto: WeidenHof