Wenn die Schäferin schreibt, dann schreibt sie auch oft über Schafe. Das, was wir sagen wollen, können wir oft am besten ausdrücken, indem wir Bilder aus der Welt benutzen, die uns täglich umgibt. Also schreibt die Schäferin über Schafe. Und über Dies und Das. Manchmal ergeben sich aus den Alltagssituationen mit den Tieren kleine Tiergeschichten. Indem man diese Geschichten erzählt, sagt man das, was man eigentlich sagen wollte.

Lamm auf dem WeidenHof

Man sieht bei der alltäglichen Arbeit und Pflege der Tiere zu, wie die Tiere untereinander kommunizieren, hier und da steigt man in die Kommunikation ein oder wird zu dieser herausgefordert undsoweiter. Man sieht die Herde wachsen und beobachtet, wie sich Harmonien entwickeln, in der Herde selbst oder zwischen den Tieren und dem Land. Hier und da greift man ein, um diese Harmonien zu unterstützen. Durch ausgewogene Fütterung, durch medizinische Hilfe oder einfach auch mal durch „In-Ruhe-Lassen“. Dabei tastet man auch besondere Beziehungen zwischen den Tieren selbst nicht an. Ausgeprägte Freundschaften reißt man tunlichst nicht auseinander, das schwächt die ganze Herde. Manchmal kommt man leider nicht ganz drumherum, Schafe zu trennen, die lieber beieinander gewesen wären, was nicht nur was mit dem Schlachten zu tun hat. Auch wenn der Bock wieder aus der Mutterherde raus muss, macht er das meist nicht so gerne. Die Schafe nehmen‘s meist gelassen. Scheinen zu wissen, dass der Kerl ja bald wiederkommt. Manche Dame schaut vielleicht sehnsüchtig hinterher und denkt noch „…und dabei riecht er doch so gut…“ aber als werdende Schafmama kann man auch mal seine Ruhe gebrauchen. Wichtiger noch sind die Freundinnen, neben denen man nachts meist liegt und kaut und sich leise irgendwelche Dinge zuflüstert. Die Bocklämmer dürfen meist auch recht problemlos gehen. Irgendwann fangen die eh an, zu nerven. Halbkerle, die sich die ganze Zeit zu profilieren suchen. Aber ihre Töchter geben sie nicht gerne her. Viele Mütter liegen bis in den Herbst hinein immer eng an ihre Töchter gekuschelt. Wenn der große Bock dann aber wieder in die Herde soll, sind die Mädchen noch zu klein dafür. Also nehme ich sie raus. Und es zerreißt mich jedes Mal selbst. Aufgeregte Jungschäfinnen, die entsetzt zusammengekauert mit großen Augen auf die Schäferin starren. Wie sollen wir denn ohne unsere Mütter gehen? Jedes Mal trifft mich derselbe anklagende Blick. Meist bekommen sie auf ihrer neuen Weide etwas Tolles zum Trösten. Ein bisschen Hafer, etwas Gemüse – dieses Jahr waren es Sonnenblumen. Immer ist eine Schnuckenoma und eine Milchschafoma dabei, um die Jungschafe in ihren ersten selbständigen Tagen zu begleiten. Schwieriger ist es bei den Müttern. Sie sollen die letzte Milch endgültig versiegen lassen, bekommen die richtige Weide dafür und dürfen noch ein wenig ausruhen und einfach für sich sein, bis der Bock zu den Damen kommt. Viele von ihnen kennen das ja schon. Aber immer wieder mal steht die eine oder andere am Zaun, wenn ich fertig bin mit Weidearbeiten und blickt die Straße zurück zum Hof, auf dem sie gerade von ihren Töchtern getrennt wurden. Manchmal beben ihre Lippen und die Augen sind wehmütig. Dann habe ich dem nichts entgegen zu setzen. Oder zu entgegnen, denn ich fühle einfach nur mit ihnen gemeinsam. Mit ein wenig Anerkennung der Situation, Geduld und gegenseitigem Zutrauen schaffen wir es meist, das Bild innerhalb kurzer Zeit zu verändern. Freche Mädchen rennen mich mit der Schubkarre fast um, wenn ich auf die Weide komme und entspannt käuende Mütter rufen mir gähnend zu, dass ich mit dem Bock ruhig noch ein paar Tage warten kann. Wenn der Bock dann zufällig in Nähe der Weide herumspaziert – huch, ich weiß auch nicht, wie der dahin kam??? – und seinen charmanten Duft verströmt, dann werden die Wohlfühl-Damen langsam ein wenig aufgeweckter und als Schäferin sieht man öfter mal hier und da ein Schnuckenschwänzchen wackeln. Es ist doch überall dasselbe, oder?

Schaf und Lämmer

Und so ist es bei allen Tieren des Hofes auch dasselbe. Wir halten keine Tiere, geschweige denn produzieren sie, wie man es fachlich korrekt ausdrücken würde. Wir leben einfach mit ihnen und hören ihnen zu, wenn sie eine ihrer unzähligen Tiergeschichten zu erzählen haben. Auch wir können Futtermittelrationen berechnen, kennen Stallhaltungssysteme, schätzen Schlachtkörpergewichte ein, stellen den Parasitenstatus fest, kennzeichnen betrieblich und individuell elektronisch, haben Absetzer und Zutreter, stallen ein und um und wieder aus, haben Zu- und Abgänge, kennen die Tierkörperbeseitigungsanlage, die Tierseuchenkasse und die Vieh-Verkehrsverordnung und den ganzen anderen Spökes. Aber das wichtigste ist es, zu sehen oder zu fühlen, wie sich die Herde unter den eigenen Händen entwickelt. Wohin all die „Haltungssysteme“ führen und was sich den wachsamen Augen dann darbietet. Und dieses Zuhören ist gleich bei allen, die den Hof hier bevölkern.

Schaf und Lamm

Die Welt ist immer wieder überrascht, zu wieviel Kommunikation, Gedächtnis, Verständnis oder Empathie die Tiere fähig sind. Erst neulich, als ich die Felle meiner frisch geschlachteten Schafe zum Gerber gefahren habe, hörte ich im Autoradio, dass neueste Forschungsergebnisse zeigen, dass Hunde so etwas wie ein episodisches Gedächtnis haben. Das heißt, sie können – uns Menschen gleich – Dinge aus ihrem Langzeithirn hervorkramen, bei denen sie zum Zeitpunkt der Erfahrung nicht wussten, dass sie einmal wichtig sein würden. Bis jetzt wurde diese Form der Erinnerung nur dem Menschen zugeschrieben. Wenn ich an meinen Hütehund denke und seine erstaunliche Fähigkeit, neu gekaufte und nur sekundenlang liegengelassene Keksverpackungen präzise zu öffnen und dann sein heroisches Desinteresse an Kekspackungen, wenn ich ihm nach dem Verzehr der geraubten einfach nur erkläre, dass Leckereien ausschließlich von Menschenhand verteilt werden, dann wundert mich das mit dem episodischen Gedächtnis jetzt nicht so übermäßig. Oder die unerbittliche Wahrnehmung meiner Hütefehler in der Arbeit mit ihm. Meist ist sein episodisches Gedächtnis sogar besser als meins. Und dann übernimmt er es aufopfernd, mir ausdauernd zu erklären, welche Dinge zum Zeitpunkt der Erfahrung eigentlich doch wichtig waren.

Kuh und Kalb

Und unsere „Nutztiere“? Sind die nochmal dümmer als der Hund? Wieso können Schafe dann Reißverschlüsse von Rucksäcken aufmachen, in denen Brötchen von schafstreichelnden Kindern sind, während die Kinder und ihre Mütter ein entspanntes Picknick auf der Weide machen? Wir haben schon so einige Episoden mit Schafen erlebt und uns entschlossen, doch lieber außerhalb der Weide zu picknicken und dann streicheln zu gehen.

Wir wollen an der Stelle nicht polemisieren, es geht uns auch nicht um Vermenschlichung. Sonst würde ich meinen Schafen ja derzeit Thermounterhosen und Wollmützen anziehen und ihnen im Stall den Ofen anmachen. Ich glaube, damit wäre die entspannte Beziehung zwischen uns vorbei. Wer sich in seinem Wesen dermaßen unverstanden fühlt, der hat auch keine Lust mehr, mit dem Begriffsstutzigen zu kommunizieren. Es ist schon so, dass man nur durch das Zuhören die jeweils andere Art versteht. Und dann macht man sich auf, durch noch ein bisschen mehr Verständnis den gemeinsamen Alltag immer besser zu gestalten. Dabei erleben wir eben unsere Tiergeschichten, die es uns ermöglichen zu erklären, was für uns ein würdevolles Zusammenleben mit den Tieren bedeutet.

Die frisch abgezogenen Felle in meinem Kofferraum wären eigentlich Abfall gewesen. Schaffelle gibt es günstig bei Ikea, der Preis würde kaum die Gerbereikosten decken. Kaum ein Schäfer vermarktet seine Schaffelle. Es lohnt sich nicht, wegen der Nachfrage. Aber es sind doch meine Schafe gewesen, mit denen ich meine Geschichte hatte und die ihre Geschichte mit mir und den anderen hatten. Wie kann etwas so Kostbares dann in den Müll geworfen werden?

Das ist der Irrsinn der Welt, denke ich manchmal, wenn ich Schaffelle im Kofferraum habe. Wir kennen häufig nur die Vermenschlichung oder das völlige Desinteresse. Einmal, als ich beim Schlachter stand und darauf gewartet habe, dass die Tiere, die ich im Hänger hatte, „abgeladen“ werden konnten, kam eine Frau daher, die zufällig mal sehen wollte, ob sie bei dem Landschlachter noch einen guten Lammbraten ergattern kann. Nein? Ach schade, das wäre jetzt noch ein schönes Mitbringsel aus der Heide gewesen. Als sie an meinem Hänger vorbeikam, dessen Plane schon hochgerollt war, damit die Schafe Frischluft bekamen, schaute sie hinein und setzte ein mitleidiges Gesicht auf. „Oooch, die armen. Sind die aber süß, das ist aber schade! ...“ Innerhalb von Millisekunden war sie dazu in der Lage, ihre große Empathie abzustellen und den erfolglosen Einkauf ihrem ungeduldig wartenden Mann zu berichten. „Heeeinz, gab kein Lammfleisch mehr!“ Auf und davon, zur nächsten Würstchenbude.

Wenn wir mehr Kommunikationsbereitschaft zeigen würden und an Verständnis und gegenseitiger Empathie interessiert wären, würde das auch unter uns Menschen oft besser klappen. Interessanterweise regen die Tiere unsere sozialen Aktivitäten und die Kommunikation unter den Arten oft an. Manches Mal haben wir schon ein Schaf und eine Kuh stundenlang am Weidezaun stehen gesehen, die Gesichter einander zugewandt und gemeinsam kauend. Die Hühner kommen ausnahmslos immer zum Zaun gerannt, wenn die Schafe am Gehege vorbeiziehen. Und wollen aufgeregt gackernd die neuesten Ereignisse loswerden und ihre Nachbarn nach dem Wohin und Woher fragen. „Keine Zeit, keine Zeit“ hört man manchmal die Schafe, „die Frau Schäferin rennt heute wieder, da müssen wir hinterher…“ Kommunikation als Zoonose, die sich hoffentlich ausbreiten wird. Wenn Ihr uns WeidenHöfler fragt, haben wir oft eine Menge Geschichten zu erzählen, über Kühe, Schafe, Hühner, Hunde, Gänse und Ziegen. Manchmal auch über das Hummelvolk, Ameisenstraßen, Nashornkäfer oder das Wildschwein. Jeder hat da so seine eigenen, die sich immer wieder miteinander verweben. Und die Schäferin schreibt eben über Schafe.

Anke

Und jetzt sagt nicht, dass der Text zu lang gewesen wäre – Lesebereitschaft fördert Verstehen.