Eine Weide ist ein Stück Land, wo Grünzeug wächst und Tiere drauf stehen, die es fressen. Aber das ist längst nicht alles.

 

Es fängt schon bei der Frage an: was wächst denn da? Üblich sind „ertragreiche Gräser“ – hierzulande meist das Weidelgras. Dicke, breite dunkelgrün glitzernde labberige Halme, die besonders eiweißreich, als ernährungsphysiologisch vollgepackt sind. Dazwischen meist Weißklee, der alles andere verdrängt und noch mehr Eiweiß draufpackt. Soll zur Folge haben, dass die Tiere dick und fett werden und man viel Silage ernten kann. Hat es auch irgendwie. Gäbe es da nicht so ein, zwei andere Punkte, die einem aufmerksamen Auge nicht entgehen.

Auf Böden wie den unsrigen wird das Weidelgras selbst nur dick und fett, wenn man auch ihm genügend Nährstoffe gibt. Gülle ist die gängigste Variante – das, was immer so stinkt, wenn die konventionellen Kollegen ihre Gruben entleeren. Mist geht auch. Aber mal ehrlich – wollte der Mensch so direkt neben der Toilette seine Mahlzeiten einnehmen? Und warum sollen das dann unsere Tiere? Nichts gegen eine kleine Mistkur für die Weiden, aber bitte früh im Jahr und nur so, dass zur Weidesaison alles wieder schön frisch und duftig geworden ist. Ohne Nährstoffe bringen uns aber auch eintönige Weidelgras-Weißklee-Weiden nichts, weil‘s nicht wächst.

 

Zum anderen ist da die Sache mit dem Sommer. Auch wenn wir in den letzten Jahren eher regenreiche hatten, gibt es doch immer mal wieder Abschnitte, in denen die Sonne brutzelt und es etwas trockener geworden ist. Das Weidelgras ist dann das erste, was schlapp macht. Die Diva also, die einem nur entgegenkommt, wenn man sie aufs äußerste betüddelt. Aber was soll man tun, wenn kein Tröpfchen von oben kommt – mit der Gießkanne raus?

 

Ernährungsphysiologisch haben wir Menschen uns auch vergaloppiert. Hoher Eiweißanteil im Weidefutter, besonders im Frühjahr, wenn’s aufschießt führt bei den Schafen zum Beispiel auch zu krankhaften Situationen. Weidetetanie, Breiniere und anderes können Schafe auch einfach umhauen und dann war‘s das mit dicken und fetten Tieren. Nicht umsonst ist ein vernünftiger Rohfaseranteil für Wiederkäuer einfach evolutionär gegeben. Es ist eben ein Wieder-Käuer, der auch hartnäckige Rohfasern durch wiederholtes und bedächtiges Käuen erfolgreich aufschließen kann. Ob Weidelgras unter diesen Gesichtspunkten so eine tolle Weidepflanze ist, wagen wir vom WeidenHof dann doch zu bezweifeln.

 

Und dann gibt es Weiden, die mehr oder weniger natürlich gewachsen sind. Hier bei uns findet man bestimmt 40 verschiedene Pflanzenarten drauf – vielleicht 10 unterschiedliche Gräsersorten, Rotklee, Hopfenklee, Spitzwegerich, Breitwegerich, Wiesenschaumkraut, Schafgarbe, Hahnenfuß, Wicken, Gänseblümchen, Beifuß, Löwenzahn, Ampfer – groß oder sauer, teilweise sogar Ehrenpreis, Brennnesseln, Margeriten, sogar Sumpfschafgarbe haben wir auf einer Weide gefunden, eine geschützte Pflanze, weil selten geworden. Und es gibt bestimmt noch ein paar, die mir gerade nicht einfallen wollen. Diese alle bilden in ihrem verschachtelten Wuchssystem einen grünen Teppich, der sowohl Nährstoffe, als auch „Gesundstoffe“ enthält. Schafgarbe ist – wie der Name sagt – ein Allrounder für das Schafwohlbefinden, Spitzwegerich hilft bei Lungenproblemchen, die Brennnesseln sensen wir, wo immer wir können, da die Tiere sie angewelkt begeistert fressen und die Inhaltsstoffe bei der Mineralsituation unserer Böden den Tieren helfen, anderweitig an reichhaltige Vitaminquellen zu kommen. Gänseblümchen sind wohl das leckere „Sahnehäubchen“ und immer, wenn die Schafe neue Weide bekommen, weiß ich, wer grad eine Laus über die Leber laufen hat, weil das betreffende Schaf sich wie ein Berserker auf die Schafgrabe stürzt. Bitterstoffe in Pflanzen helfen der Leber gesund zu bleiben und hier und da verbergen sich entzündungshemmende Pflanzenkünstler. Man könnte diese Liste ewig weiterschreiben, bei all dem habe ich ja noch nicht einmal die Hecken erwähnt, die gelegentlich mit ihrem mineralreichen und ebenfalls heilsamen Laub, wie Eiche, Holunder, Weißdorn oder Weide ihren Teil zum Ganzen beitragen. Aber allein schon aus diesen wenigen Beispielen bekommt man eine Ahnung davon, was der Unterscheid zu einer Weidelgras-Weide und einer natürlichen Weide ist.

 

Schafe und Kühe haben noch ihren Instinkt und wissen, was sie brauchen. Kränkliche Tiere suchen gezielt nach Kräutern, die ihnen helfen. Als die Schafe hier auf den WeidenHof kamen, hatten sie alle mit Husten zu kämpfen, den sie noch vom vorigen Hof mitgebracht hatten. Der Husten kam vom Schweinemief nebenan, als der Maststall vom Nachbarn immer seinen Charme versprüht hat. Im ersten Jahr husteten sie hier immer noch nach dem Weideumzug, wenn sie viel laufen mussten. Einen Hammel mussten wir sogar mit Antibiotika behandeln lassen, weil der aus dem Husten gar nicht mehr herauskam. Sie haben sozusagen „wie die wahnsinnigen“ den Spitzwegerich gefuttert, wo immer ein Fleckchen zu finden war. Ich hatte mir erst gar nichts dabei gedacht – und die Entwicklung nahm ja auch nur schleichend ihren Lauf. Das Ergebnis dessen war allerdings, dass die Schafe nach einem Jahr WeidenHof-weiden aufgehört hatten, zu husten. Auch das fiel mir erst gar nicht auf, da man ja bekanntlich ein wenig blind wird für die Dinge, die einen im Alltag so hartnäckig umgeben. Irgendwann stellte ich nur fest, dass die Schafe an angenehm temperierten Tagen regelrechte Rennanfälle hatten – besonders wenn der Bock in der Herde war. Und sie alle standen immer wieder fröhlich vor mir, sichtlich beglückt über das alberne Spiel mit ihrem Liebsten. Und keins hustete. Heute ist Husten kein Thema mehr – und der Spitzwegerich auch nicht mehr ganz so interessant. Schaf frisst ihn halt mit.

 

Weiden können auch nicht zaubern. Unser bekanntes Problemchen der Mineralsituation der Weiden im ehemaligen Moor kann auch nicht von unseren schönen Weiden weggewischt werden. Wo also kein Selen im Boden ist, kann es auch nicht in den Pflanzen sein und die Tiere bekommen also auch nichts. Soweit, so klar. Aber dennoch kann eine schöne, kräuterreiche Weide einiges auffangen und auch Mangelsituationen etwas abmildern. Oder – wie die Sache mit dem Husten – eben doch wegzaubern. Wenn wir nur nach Elementarteilchen suchen und in Futterwerten und Ertragszahlen rechnen, dann übersehen wir, dass das alles nur kleine Puzzleteilchen in einem System sind, dessen Lebendigkeit und gegenseitige Vernetzungen man nur wahrnimmt, wenn man nach der Arbeit mal kurz innehält und seinen Blick über die weidenden Tiere schweifen lässt. Nichts gegen Elementarteilchen, die gibt es auch und es ist wichtig, sie zu kennen, aber wie ihr Name schon sagt, sind sie „Teilchen“ des Ganzen und das Ganze sieht man bekanntlich nur mit dem Herzen gut. Sagt auch der kleine Prinz.

 

So ganz nebenbei: das Sommerproblem meistert unser grünes Gräsermeer meistens ziemlich fantastisch. Durch die gegenseitige Verschachtelung ineinander und das dicht gewebte Wurzelleben sind unsere natürlich gewachsenen Weiden meist noch grün, auch wenn Nachbars Hochertrags-Weide schon lange braun und verdorrt ist. Die Hecken und der Schatten, den sie spenden, haben sicherlich auch ihren Anteil daran.

 

Wir vom WeidenHof jedenfalls lieben unsere Weiden und den Anblick, wenn viele kleine schnelle pelzige Schafmäulchen oder große, feuchte, sanfte Rindermäuler sich daran gütlich tun und genüsslich kauen, während ihren Besitzern die Freude aus den Augen strahlt…