… flög ich wohin denn nur? Aktuell ist es die Debatte über die Vogelgrippe, die den Wildvögeln nachsagt, den bösen Virus weitläufig zu verteilen und unser „Nutzgeflügel“ anstecken zu können. Wildvogel, Nutzgeflügel, da haben wir‘s ja wieder. Es ist die Macht der Worte, die unser Denken bestimmt. Welchen Nicht-Nutzen haben die vielen Schwalben, die auf dem WeidenHof brüten und unseren Haus-und Hofmeister Roderich die Haare raufen lassen, da sie seine frisch aufgeräumte Werkstatt zu - Entschuldigung – kacken. Bis er nach einigen Debatten mit der Tierhaltungsfraktion des Hofes letztlich dem Schwalbengeturtel verfiel. Kein Schwalbennest wird weggemacht, da müssen andere Lösungen her. Und Roderich lief im ausgehenden Sommer mit Fotokamera übern Hof, um „seine“ letzten Babys dieses Sommers zu fotographieren. Irgendwann gab es ein Unglück. Die Mutter kam nicht mehr, es war zu spät im Jahr, manche Dinge gehen auch auf dem WeidenHof einfach unter in dem Arbeitsdruck, der hier manchmal herrscht. Und ein bedröppelter Roderich stand vor einer minikleinen verhungerten, aus dem Nest geplumpsten Schwalbenstube. Auch ein kleines Schwälbchen öffnet Räume im Herzen – ohne Geld, ohne Effizienz, völlig unwirtschaftlich. Ob es nutzlos war, wird sich zeigen….

Die Süddeutsche brachte schon vor zwei Jahren einen Artikel, in dem erstaunlicherweise zu lesen war, dass sich zwar die Bestände von herausragenden Vögeln wie Storch, Graureiher oder Teichrohrsänger erholen, allerdings die kleinen, alltäglichen Vogelarten langsam verschwinden. Spatz, Lerche und Kiebitz finden kaum noch Nischen, in denen sie brüten können in unserer effizient aufgeräumten Agrarlandschaft. So habe sich die Zahl der Spatzen in den vergangenen 30 Jahren in Europa laut der Süddeutschen etwa halbiert. Keine Spatzen, Keine Lerche mehr? Müssen wir dann unseren Enkelkindern - sollten sie in der Schule mal Romeo und Julia lesen – erklären, was eine Lerche ist? Dass die liebestrunkene Julia den Gesang des Vogels der Nachtigall zuordnete, die tiefe Dunkelheit verkündet und nur der wachsame Romeo wusste, dass da der Vogel der frühen Morgenstunden sie vor Entdeckung warnte, wollten sie nicht zusammen untergehen?

Aber zurück zum aktuellen Geschehen und der dringlichen Frage, wie man nun mit aufkommenden Epidemien umgehen sollte und überhaupt – woher kommt sie denn nun, diese Pestilenz? Kontaktvermeidung ist bei einem viralen Geschehen sinnvoll, das sollte bei jedem Grundschulkind angekommen sein. Also wäre es eins der naheliegenden Dinge, sein eigenes Federvieh ins Trockene – Verzeihung, in den Stall zu bringen.

Wie aber kommt ein Virus in einen hermetisch abgeriegelten Zuchtbetrieb mit 30 000 Hennen, auf dem wahrscheinlich sogar ein Schild angebracht war: „Betreten verboten – wertvoller Tierbestand!“ Ob sich die blöden Wildvögel nicht an das Schild gehalten haben? Wie aber hat sich der frühreife Erpel, der einmal eine fette Henne sehen wollte, Zugang zum Stall verschafft? Oder hat er einfach durch die Lüftungsanlage voyeurisiert und dabei – blöd, wenn man Grippe hat – einen Nies-und Hustenanfall bekommen? Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Textes freuen wir uns jedenfalls noch, dass unsere Heidekreis-Hühner mit nassen Füßen im Schneematsch herumstaksen dürfen, während unsere Nachbarn im Kreis Rotenburg tunlichst keine Feder vor die Tür setzen sollten. Ob Massenstall, Stallpflicht, Geflügelpest oder Totentanz – wir Menschen scheinen jedenfalls noch ziemlich im Dunkeln zu tappen, wie wir mit all dem umgehen sollten. Nachtigall, ick hör dir trapsen….

Naja, wir vom WeidenHof sind auch nicht besonders besser. Schließlich stehen wir ja schon seit längerem auf Kriegsfuß mit dem – geschützten - Habicht. Sein jahrhundertealter Appetit auf Hausgeflügel macht es nicht gerade leicht mit ihm. Aber was sollte er tun? Er passt ja auch nicht durch die Lüftungsanlage der Mastställe, egal wie kunstflüglerisch er sonst unterwegs ist, er ist einfach zu fett dafür. Also sucht sich das Habichtpärchen doch einfach den nächsten Biohof mit freilaufenden Hühnern. Denn schließlich sei es – so das Habichtweibchen zu ihrem Angebeteten, sowieso besser auf Biofleisch umzusteigen, jetzt, da bald wieder Kinder unterwegs sein werden….

Und erst unsere Spatzengang! Jedes Mal, wenn eins der bemitleidenswerten Hühner in der Hühnerkrankenstation vor Martin und Wiebkes Haustür landet, weil es sich einen Fuß verknackst hat, blind geworden ist, seinem schlupfbedingten Dachschaden nicht entwachsen konnte (der Ärmste klebte mit dem Kopf an der Eierschale fest) oder eben von diesem vermaledeiten Habicht angefallen wurde, wird es zu allem Übel auch noch von der Spatzengang ausgeraubt. Heimtückisch lauern sie hinter dem Lazarett, um dann, wenn die Oberschwester ihre Vertüddelungs- und Versorgungbemühungen abgeschlossen hat und zur Tür entschwunden ist, mit kriegerischem Gepfeife das gesamte dargebotene Körnervermögen zu erbeuten.

Nun, die Spatzen gehen ja eigentlich noch. Ist eigentlich ganz witzig, mitanzusehen, wie sie proportional zur Genesung unseres Pfleglings ihre Körpermasse erhöhen. Es gibt wohl kaum fettere Spatzen als auf dem WeidenHof. Aber das mit dem Habicht… Und dabei haben wir doch gar nicht so viele Hühner! Das fällt schon auf, wenn eins fehlt. Pro Mitglied ein Huhn. Hatten wir mal so gesagt, dann hat jeder seine persönliche Henne für sein persönliches Frühstücksei. Netter Gedanke, so fanden wir.

Von dem einen viel, von dem anderen wenig. Irgendwie sollten wir doch nicht so sehr in Masse denken. Ein stabiles (Öko-)System lebt doch wahrscheinlich am besten davon, wenn eine ausgewogene Menge der vielfältigsten Faktoren auf möglichst ausgeglichene und gesunde Weise ein sinnvolles Miteinander unterstützt, oder? Ach, weiß der Kuckuck, wir machen hier einfach weiter auf unserem WeidenHof, solange das, was wir tun, sich möglichst richtig anfühlt.