Seit ein paar Wochen, seit Mai ungefähr, packte ich auf dem Weidenhof mit an. Ich bin ja in Rente und kann mir aussuchen, wie und wo ich den Tag verbringe.  Das ist sehr luxurios. Und dabei sehe ich als Seniorpraktikant und Helfer den Hof aus der Sicht eines aktiven Mitgliedes ohne jede Fachkenntnis, quasi blauäugig. Viele kleine Geschichten erlebe ich inmitten der großen ganzen Betriebsamkeit, die ich gerne erzählen möchte, weil sie vielleicht sonst vielleicht niemand erzählt. Und das wäre doch schade.
Alle paar Wochen wird eine Geschichte zu lesen sein, die du hier lesen kannst, wenn du willst.

Viele Grüße Roderich

 

1. Kleinigkeiten

Vor einigen Wochen war ich noch für fünf Monate in Ghana.
In puncto Ernährung habe ich dort das Fürchten gelernt.
Mein Gastgeber sagt: „Ohne Fleisch oder Fisch ist das für mich kein Essen.“
„Zu Hause“, in „Restaurants“ und auf der Straße bekommt man tatsächlich fast ausschließlich Fleisch oder Fisch zum Reis oder Fufu ( ein Matsch aus Kochbanane und Cassava-Wurzel). Viele Tiere gehen durch ghanaische Mägen. Für mich alles äußerst unappetitlich.
Vorher dachte ich noch, die Afrikaner behandeln ihr Fell- und Federvieh bestimmt ordentlich, keine Massenhaltung, alles natürlich. Da habe ich mich gründlich geirrt. Das Verhältnis zu den Tieren reichte nur von lieblos bis gnadenlos. Eingepfercht oder gefesselt in praller Sonne stehen die Hühner an der Straße, bis ihnen der Garaus gemacht wird. Eine Ziege z.B. wird am Seil um ihren Hals in ein Boot gelassen. Sie hängt wie am Galgen. Aber sie hat überlebt. Viele unschöne Beispiele könnte ich aufzählen.
Ohnehin esse ich lieber nur Gemüse. Aber das sieht dort mehr oder weniger jämmerlich aus. Die Tomaten schmecken wie abgestandenes Wasser.
„Du musst die Melone waschen, bevor du sie schneidest,“ sagen die Kinder.
„Die Melone? Von außen? Wieso das denn?“
„Alles ist stark gespritzt.“   weiterlesen? hier!

 

2. Abschiede

August 2016

Manchmal sind Abschiede nicht so schwer. Wenn man sich von Menschen trennt, mit denen das Zusammenleben und Zusammensein schwierig, zehrend, unerfreulich, belastend war. Manchmal kann man mit jemandem zusammenarbeiten und arbeitet doch nicht zusammen. Dann verabschiedet man sich mehr mit lachenden als mit weinenden Augen: Ab (mit'n) Schiet. Danach ist die Luft klarer, frische Energie für einen Neubeginn. weiterlesen? hier!

 

3. Arbeit und Zeit

September 2016

„Ich will jetzt nicht mehr arbeiten,“ sag’ ich zum Bauern, nachdem ich stundenlang gekrautet habe. „Ich will jetzt Trecker faahn!“

„Trecker fahren ist auch Arbeit“, sagt der Bauer.

„Leute über’n Hof führen und ihnen was über Bio erzählen, ist das auch Arbeit?“ frage ich den Gärtner.

„Jedenfalls ist es keine Freizeit“, erwidert er.

Der Lehrling, seine Freundin und ich, wir stehen auf dem Ackerwagen, vor uns der Trecker und die Heuballenpresse. Die fertigen Ballen werden über ein Gestänge auf den Anhänger gedrückt. Zuerst geht das locker zu dritt, die unteren Reihen sind bequem zu bauen. Aber der Turm wächst. 10, 12 Lagen hoch wird gestapelt. Einer steht jetzt noch unten, einer in der Mitte, einer oben. Hoch die Ballen, aber mit Schwung.September 2016

„Ich will jetzt nicht mehr arbeiten,“ sag’ ich zum Bauern, nachdem ich stundenlang gekrautet habe. „Ich will jetzt Trecker faahn!“

„Trecker fahren ist auch Arbeit“, sagt der Bauer.

„Leute über’n Hof führen und ihnen was über Bio erzählen, ist das auch Arbeit?“ frage ich den Gärtner.

„Jedenfalls ist es keine Freizeit“, erwidert er. weiterlesen? hier!

 

4. Flüstern

Oktober 2016

Das ist schon eine ganze Weile her: der Bauer war noch Knecht und war im Gemüse zu Gange und ich war nur gelegentlich auf dem Weidenhof und hatte wenig Einblick. Trotzdem fiel mir auf, dass der Knecht im Umgang mit Pflanzen und Tieren von besonderer Art war. Besonders sorgfältig, besonders achtsam, besonders empfindsam, und anders eben.
„Der kann mit den Pflanzen reden“, sagte ich mal, und das hat er gehört. Da schaute er verwundert und skeptisch, als wisse er mit solchen Worten nichts anzufangen.

Mit Tieren kann man noch reden, die verstehen sogar manchmal etwas. Wenn die Schäferin ihrem Hund sogar auf Englisch sagt, er solle sich hinlegen, dann macht er das – oder er macht es nicht, jedenfalls kann man mit ihm reden. Aber mit Pflanzen reden oder sogar mit Dingen – das ist schon sehr schräg, - oder?

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5. Preiswert

November 2016

Zu mir: Fast mein ganzes Leben lang habe ich mit kleinem Geld gelebt. Was Konsumgüter betrifft, repariere ich gerne, Flohmärkte sind ein beliebter Aufenthaltsort, Schrottplätze, Secondhand-Läden. Ebay startete vor 20 Jahren meinen Einkauf aus dem Wohnzimmer. Und auch bei Aldi hab‘ ich manches Überlebensmittel ’rausgetragen.

Ich bin Schnäppchenjäger. Und Preisstratege. Was wie viel gekostet hat, weiß ich oft noch bei Sachen, die ich vor 30 Jahren gekauft habe.  

Am besten wenig Geld für viel Material. Preiswert hieß: billig! Viel Wertvolles wird einfach weggeschmissen oder billig verschleudert, weil es nicht mehr dem neuesten Stand oder der Mode entspricht. Das ist nur einer der vielen üblen Auswüchse des Kapitalismus. Das ist nicht gesund. Ich weiß es. Und nutze es trotzdem. Schadet ja auch offensichtlich keinem. Wer darunter letztendlich leidet ist oft sehr schwer zu erkennen. weiterlesen? hier!

 

6. Weihnachten

Dezember 2016

Hab’ mal im Netz geschaut, was denn das Wort bedeutet.

Geweihte Nacht: gesegnete Nacht, heilige Nacht, Segen bringende Nacht;

weihen: Segen und Schutz erbitten oder jemandem seinen Segen geben.

Einweihung: jemanden mit Wissen, das nicht jeder hat oder haben darf, vertraut machen.

sich einer Aufgabe weihen: sich mit Kraft und Überzeugung einer Sache widmen, sich hingeben an eine Aufgabe.

„Bedeutet dir Weihnachten etwas?“ frag’ ich den Gärtner. weiterlesen? hier!

 

7. Glück

Januar 2017

Happinez, die Zeitung für Lebensfreude mit der Anleitung zum Glücklichsein von Frau Bernstein liegt vor mir. Daneben eine Zeitschrift mit der ayurvedischen Formel für Glück. „Zum Glück gibt’s Expert“ steht auf dem Bus, als wir in Soltau an der Ampel warten. Glücklichsein kann man auf Wochenendseminaren lernen, jede Menge Bücher darüber lesen, wie man Glück hat und glücklich lebt, und kaufen kann man Glück in jeder Form. Alleine das Kaufen macht ja schon glücklich. weiterlesen? hier!

 

8. LehrMeister

Februar 2017

Wurden wir Erstklässler damals (1959) gefragt: „Gehst du gerne zur Schule?“, sagten alle „ja“. Nur ich sagte „nein!“ Scheinbar ahnte ich etwas davon, was mir 20 Jahre lang widerfahren sollte - durch Grundschulzeit und Gymnasium bis Ende Studium: Ich musste überwiegend Stoff lernen, der mir nicht wichtig war und unter Umständen lernen, die mir nicht angenehm waren. Meine Lehrer waren überwiegend Menschen, die bei mir wenig Sympathie auslösten. Das ganze Schulsystem war mir zuwider. Um versetzt zu werden, hab' ich halt ge­paukt. Und dann, nachdem ich meinen letzten „Schein“ in der Tasche hatte, schlich sich gelegentlich die Frage ein: Und jetzt, Alter, was haste auf der Pfan­ne außer ein paar Theorien und davon den Kopf voll? Was weißt du über Bezie­hungen und wie man sie führt? Was weißt du über Krisen und wie man sie be­wältigt? Was weißt du über das Leben und das Sterben? Was weißt du über Kreativität und wie sie entsteht? Leben in Gemeinschaft, soziale Fähigkeiten, hast du darüber was gelernt? weiterlesen? hier!

 

9. Lammzeit

März 2017

Mitte Februar werden eines Morgens 11 Böckchen vom vergangenen Jahr nach Eyendorf gefahren um dort geschlachtet zu werden.

„Sie sind ganz problemlos in den Hänger gestiegen, ganz problemlos wieder raus, dann ein letztes Mal streicheln, sie haben keinerlei Stress gemacht“, sagt die Schäferin.

Ein kurzes Schafleben, würden wir sagen. Aber ihnen bedeutet die Zeit nichts. Sie zählen nicht die Jahreszeiten. Sie haben gelebt. Sie hatten nur gute Tage.

Sie waren entspannt, vielleicht sogar neugierig. Hatten sie denn gar keine Ahnung, was ihnen blüht? Sie hatten Vertrauen, sie hatten keine Angst, kein Adrenalin, keine Stresshormone im Blut. Und genauso ist jetzt die Wurst.

Einen Tag später, als wäre es abgesprochen, bekommt die erste Schafmama Nachwuchs. Sie kennt sich aus, alles geht sehr einfach. Am nächsten Tag gibt es wieder Zwillinge. Die Moorschnucke ist Erstgebärende. Ein Junge und ein Mädchen. Das Mädchen lässt sie trinken, den Jungen stupst sie weg, dreht sich zur Seite, will ihn nicht an die Brust lassen. Immer wieder kriegt der Kleine Haue. weiterlesen? hier!