1. Kleinigkeiten                                                                           Juli 2016

Vor einigen Wochen war ich noch für fünf Monate in Ghana.
In puncto Ernährung habe ich dort das Fürchten gelernt.
Mein Gastgeber sagt: „Ohne Fleisch oder Fisch ist das für mich kein Essen.“
„Zu Hause“, in „Restaurants“ und auf der Straße bekommt man tatsächlich fast ausschließlich Fleisch oder Fisch zum Reis oder Fufu ( ein Matsch aus Kochbanane und Cassava-Wurzel). Viele Tiere gehen durch ghanaische Mägen. Für mich alles äußerst unappetitlich.
Vorher dachte ich noch, die Afrikaner behandeln ihr Fell- und Federvieh bestimmt ordentlich, keine Massenhaltung, alles natürlich. Da habe ich mich gründlich geirrt. Das Verhältnis zu den Tieren reichte nur von lieblos bis gnadenlos. Eingepfercht oder gefesselt in praller Sonne stehen die Hühner an der Straße, bis ihnen der Garaus gemacht wird. Eine Ziege z.B. wird am Seil um ihren Hals in ein Boot gelassen. Sie hängt wie am Galgen. Aber sie hat überlebt. Viele unschöne Beispiele könnte ich aufzählen.
Ohnehin esse ich lieber nur Gemüse. Aber das sieht dort mehr oder weniger jämmerlich aus. Die Tomaten schmecken wie abgestandenes Wasser.
„Du musst die Melone waschen, bevor du sie schneidest,“ sagen die Kinder.
„Die Melone? Von außen? Wieso das denn?“
„Alles ist stark gespritzt.“
Ja, alles Gemüse ist radikal mit der Chemiekeule behandelt. Ein ganzes Viertel in der großen Stadt Kumasi verkauft „Agrochemicals“. Die Pflanzen kriegen scheinbar eine Giftdusche nach der anderen. Viel hilft viel.

Und dann bin ich wieder auf dem Weidenhof. Lange Reihen junger Möhrenpflänzchen schauen gerade aus der Erde. Kraut, das hier nicht sein soll, ist daneben schon größer und üppiger. Die jungen Möhrchen müssen von diesem Kraut befreit werden. Mit der Hand. Ganz vorsichtig, damit sie im Boden bleiben, während man das Kraut zupft. Manchmal kaum zu erkennen wird doch jeder kleine Trieb umsorgt. Dazwischen liegen Schafwollpellets, das ist natürlicher Dünger.
Nach zwei Stunden sehe ich die winzigen Pflanzen im Kraut nicht mehr genau. Das ist die Möhrchenblindheit. Fast jeder wird nach ein paar Stunden von ihr ergriffen. Dann muss man etwas anderes machen.
Kleine Rote Beete-Pflänzchen wollen auch freigelegt werden. Bis zur Rote Beete-Blindheit.
So liebevoll, so rücksichtsvoll wird jede Pflanze gepflegt, gewässert und umsorgt, bekommt natürliche Nährstoffe. Der jahrelang vernachlässigte Boden entwickelt sich langsam zu fruchtbarer Erde. Das „Know-how“ der Gärtner ist entscheidend, aber es ist nicht alles. Da ist mehr im Spiel: Miteinander, Überzeugung, Leidenschaft, Verantwortung Sorgfalt, von allen! … man kann es eher spüren als sagen: Achtsamkeit. Es würde mich wundern, wenn die Pflanzen das nicht auch fühlen. Das sind andere Ideale als Profitmaximierung.
Der Blumenkohl ist wieder ein Gedicht.

Die Hühner ziehen nachts in ihren Bauwagen von einem wunderbaren Stück Wiese zum nächsten wunderbaren Stück Wiese. Nachts, damit sie der Umzug nicht stresst. Am nächsten Morgen finden sie wieder Schatten in den Hecken, wenn die Sonne brät. Sie baden im sandigen Boden.
Direkt an der Wohnung ist das Hühnerkrankenhaus. Dort war auch die Henne, die der Habicht erwischt hatte. Sie war auf dem Rücken schwer verwundet. Hier wird sie geschützt, gepäppelt und gepflegt. Längst ist sie wieder munter. Aktuell ist ein Patient hier, der schon als Küken Gleichgewichtsstörungen hatte. Oder einen schweren Hüftschaden, was weiß ich. Er fällt immer um, ziemlich spektakulär. Hühner sind untereinander nicht freundlich, wenn eines nicht normal ist. Die Hühnerkrankenschwester ist nicht nur freundlich, sondern fast schon mütterlich. Viel Zeit und liebevolle Pflege bekommt der Patient. Das rechnet sich nicht in Euro, das ist nicht effizient. Aber es gehört zum Gesamtkonzept. Mich rührt es an!

Ein Paket kommt mit der Post. Darin sind Hummeln. Ein ganzes Volk. Sie werden im Thermohaus wohnen und dort die Tomaten bestäuben. Im Treibhaus ist jetzt ein intensives Summen zu hören.
Wieder kommt ein Paket. Darin sind Schlupfwespen. Sie legen ihre Eier in Blattläuse, die dann irgendwann platzen. Blattläuse schaden dem Gemüse. Schlupfwespen sind also Nützlinge. Aber so wie es hier kein Unkraut gibt, nur Beikraut oder Kraut, das kompostiert wird, so gibt es natürlich auch kein Ungeziefer, nur Geziefer oder Beigeziefer.

Im Haus sind zwei Schwalbenbabies, deren Eltern abhanden kamen. Sie wohnen in einem Karton und werden mit der Pinzette gefüttert. Fliegen, Motten, Drohnenlarven aus Nachbars Bienenstock. Es ist sooo goldig, wenn sie völlig angstfrei auf dem Rand sitzen und ihre großen Schnäbel aufsperren. So etwas bekommt man normalerweise nicht zu sehen. Aber die Schäferin muss sich mit ihnen beschäftigen! Und Geziefer fangen.

Das große Ganze im Blick behalten, der Betrieb muss laufen. Da hängt einiges dran. Aber die Kleinigkeiten finden auch Beachtung, Augen und Herz bleiben offen für die manchmal winzigen Wunder, die pausenlos geschehen. Wirtschaftlich ist das nicht, ein behindertes Huhn zu betüddeln. Und kleine Möhrchen freizulegen. Und Schwälbchen zu füttern. Aber ich bin froh, dass es hier so ist.

Schwalben nisten auch im Materiallager. Die kacken auf die Schrauben und überhaupt auf alles. Anfangs hab' ich mal überlegt, ihnen zu kündigen. Da kam ein entscheidendes Veto. Darüber war und bin ich jetzt sehr froh. Die jungen Schwalben lernen gerade fliegen. Kleine, dicke, knuffige Süßteilchen. Es ist jedes Mal eine Freude, das Lager zu betreten. Irgendwann mach' ich die Kacke weg.

Ja, es ist arbeitsintensiv. Ja, es ist kostenintensiv. Es lohnt sich finanziell nicht. Jedes Mitglied muss das Gesamtgebilde mit tragen. Und jeder, der hier schafft, gibt alles. Das ist mehr als leckeres Gemüse. Und es ist mehr als Arbeit.
Aber es  ist ein wunderbares Konzept, das die positiven Kräfte der Natur nutzt und in einen Kreislauf bringt, statt Erde, Pflanzen und Menschen mit chemischen und ideologischen Giften zu verseuchen. Ein Konzept, bei dem manchmal nicht überlegt werden muss, ob sich etwas lohnt, ob Aufwand und Ertrag im üblichen wirtschaftlichen Verhältnis stehen. Selbst wenn es manchmal an den Rand der Kräfte geht. Mammon ist nicht alles!

Nach meinem Gefühl lohnt es sich aber immer! Es lohnt sich auf eine andere Weise, deren Sicht wir fast verlernt haben. Oder weiß noch jemand, was das ist: Einklang mit der Natur?
Ich bin nie ein Freund der Ideologie des Wachstums in unserem Wirtschaftssystem gewesen. Hier bin ich ein Freund des Wachstums. Des Möhrchen-Wachstums zum Beispiel.
Und die Kleinigkeiten sind oft großartig.

Das wollte ich heute mal gesagt haben.

Roderich