April 2017

= „für etwas wichtigster Zeitabschnitt innerhalb eines Jahres, in dem etwas Bestimmtes am meisten vorhanden ist oder am häufigsten stattfindet, in dem die stärksten Aktivitäten entfaltet werden.“ (Duden)

Ich erinnere mich, in meiner Jugend – das ist 50 Jahre her – gab es im Winter und Frühling keine Tomaten. Tante Liesel und Onkel Kurt, die nach Italien in Urlaub fuhren, brachten meine ersten grünen Paprika mit, na ja, die waren interessant, aber damals nicht richtig lecker. Währenddessen begannen die Holländer, Treibhäuser zu bauen und Tomaten das ganze Jahr anzubieten. Nur schmeckten die wie eingeschlafene Füße. Aber das Interesse des Verbrauchers an ganzjährig verfügbarem Obst und Gemüse wurde geweckt, Produzenten entdeckten ihre Märkte, in Spanien und Israel wurden Gewächshäuser flächendeckend gebaut. Wege wurden günstiger.

Auf der anderen Seite der Erde ist Sommer, wenn hier Winter ist und fast nichts mehr wächst. Die entferntesten Länder sind ein paar Stunden von uns weg und die Welt wird immer kleiner. Der Transport von Früchten, Gemüse und Blumen aus Südafrika, Lateinamerika, Neuseeland und China ist inzwischen so normal wie der Kaffee zur Pause bei uns auf’m Acker. 5 Millionen Tonnen Obst und Gemüse wurden 2015 aus aller Herren Länder bis zu Otto Normalverbraucher auf den Tisch gekarrt.

Früher mussten die Muttis einkochen, heute gibt es fast nichts, was es nicht zu jeder Jahreszeit von irgendwoher frisch gibt. Der Trend, dass pausenlos knackige Erdbeeren und ewig lange frischer Spargel angeboten werden, ist noch nicht alt. Und seit einigen Jahren gibt es sogar schmackhafte Tomaten zu Weihnachten. Und wir haben uns daran gewöhnt. Es ist normal geworden, wundert keinen mehr.

Nun neigt sich das Wirtschaftsjahr des WeidenHofes seinem Ende zu. Am 30. April ist Feierabend. Am 1. Mai ist Neujahr. Die Vorräte an Wintergemüse werden knapp. Spinat, Salat und Radieschen wollen schon aus der Erde. Wir haben alle brav wieder ein Jahr lang saisonal gegessen. Das, was auch früher zu natürlicher Zeit auf dem Feld gewachsen ist, kam auf den Teller, sonst (fast) nix. Na gut, ein bisschen wird mit Thermohäusern auch auf dem Weidenhof nachgeholfen. Aber saisonal zu essen, das ist schon längst nicht mehr selbstverständlich, das ist schon außergewöhnlich. Das heißt, die uralten natürlichen Gewohnheiten kommen zurück.

Ich beobachte bei mir eine interessante Entwicklung: ich sehe die kleinen Pflanzen wachsen, Blätter entfalten, Blüten tragen, Früchte entwickeln. Ich freue mich auf Stielmus und Radieschen im Frühling, Tomaten, Paprika und Bohnen im Sommer, Kohl im Herbst und Sauerkraut und Steckrübe im Winter. Kürzlich hab’ ich mal Tomaten im Laden gekauft. Die zu essen fühlte sich ganz komisch an, irgendwie falsch. Ich konnte mich gar nicht richtig freuen. Auch viele andere frische Sachen im Supermarkt, die nicht in die Jahreszeit gehören, reizen mich gar nicht mehr. Scheinbar bin ich retro.

Aber die Zurück-Gewöhnung an saisonales Gemüse und damit eine Verbindung zum natürlichen Gemüsewachstum für WeidenHof-Mitesser ist ja nicht alles. Wir müssen auch noch das essen, was gerade geliefert wird. Gibt der Gärtner Kohl und Möhren, musst du’s kochen und verzehren. Gibt es Sellerie und Lauch, kriegst du Suppe in den Bauch usw.

Im Buch „Tao der Kartoffel“ kannst du lesen, dass es viel sinnvoller und kreativer ist, aus dem etwas zu zaubern, was gerade in der Gemüsekiste liegt, als für ein ausgesuchtes Rezept in den Laden zu gehen. Aber wenn dir die Knollen bis Oberkante Unterlippe stehen, hab’ ich hier was Außergewöhnliches:

                   Pastinaken orientalisch (3-4 Mitesser)

Ein gutes halbes Pfund Pastinaken bissfest kochen, abgießen.

Marinade brauen:

               Saft einer Zitrone, besser noch Limette,

               1 Esslöffel Honig,

               1 gestrichenen Teelöffel Paprikapulver rosenscharf

               1 gestr. TL Kurkuma

               1 ordentlichen TL Curry

               bisschen Schwarzkümmel

               bisschen mehr Zimtpulver

             ca. 60 ml Olivenöl

               Salz

Marinade verquirlen, warme Pastinaken hineinlegen und 1 Stunde ziehen lassen. Noch mal wärmen oder auch nicht. Schmeckt wirklich undeutsch. Und wenn nicht alle Zutaten im Hause sind, nimmst du, frei nach dem Tao der Kartoffel, etwas anderes Exotisches aus dem Gewürzregal.

(Da es dieses Jahr erst spät wieder Pastinaken gibt, weil ich mit dem Schreiben in Verzug bin, musst du dir merken, wo du dieses tolle Rezept findest.)      

Auf dem WeidenHof wird mittags reihum gekocht. Dabei verderben viele Köche nicht den Brei, im Gegenteil, es ist immer spannend, was die verschiedenen Leute aus dem jahreszeitlichen Angebot machen. Sehr abwechslungsreich, auch in der mageren Saison, - montags bis donnerstags. Freitags kocht der Bauer. Dann gibt es immer „Nudel mit Schmudel“ (der Saison). Sagt der Bauer: „Einmal in der Woche muss es ja auch mal was geben, was einem selber schmeckt!“ Da könnt’ ich grölen vor Lachen: mir schmeckt es jeden Tag richtig lecker. Und wochenlang hat Charlotte gekocht. Richtige Menus mit Kuchen zum Nachtisch. Und manchmal kocht Gärtners Mama auch wochenlang, Junge, da kannst du dich ’reinsetzen, trotz Kohlsaison und Rote Beete.

Kürzlich gab’s zur Arbeitspause eine Kiste deutsche Bio-Äpfel und jeder durfte zugreifen. Die sahen aus, als kämen sie frisch vom Baum – im März! Prall und lecker! Ja wie isses möglich?

„Kann ich dir sagen“, weiß der Gärtner. „Die werden sehr kühl gelagert und der Sauerstoff wird ihnen mittels Stickstoff weggenommen. Wenn sie verkauft werden sollen, werden sie in den Portionen wieder hervorgeholt, die schnell an den Kunden gebracht werden können.“

Das ist auch nicht gerade billig und braucht ’ne Menge Energie. Jetzt geht – ohne Quatsch - die Diskussion los, ob es ökologisch sinnvoller ist, deutsche Äpfel frisch zu halten oder frische Äpfel aus Südafrika hierher zu fliegen.

Ja klar, auch die Thermohäuser brauchen Strom, auch das Kühlhaus. Und wenn in deiner Tiefkühltruhe noch die Bohnen vom letzten Sommer liegen, dann haben sie eine Menge Energie abbekommen. Damit wird die magere Saison ein bisschen aufgeweicht. Aber was willste machen? Erdkeller buddeln?

Also, weitestgehend ist alles ehrlich. Nur die Hühner werden verarscht. Mit künstlicher Beleuchtung werden ihnen die Tage verlängert. So schnallen sie nicht wirklich, dass Winter ist und sie mit dem Legen aufhören und in die Mauser gehen könnten. Für sie, wie ihr gemerkt habt, gab’s keine Saison und sie legen auch im Winter ein Ei nach dem anderen.

Ich hab’ mich sehr gefreut und fand das wieder „typisch WeidenHof“, dass die beiden Rinder, die jetzt in der Truhe liegen oder schon verdaut sind, nach der Stallsaison noch drei Tage Zeit hatten, sich auf der Weise am frischen Frühlingsgras zu erfreuen.

Aber nicht nur das Gemüse, auch die Arbeit hat Saison. Im Winter ist für alle erst mal richtig lange Pause. Ja denkste! In der Gemüsehalle hängt die Winterliste mit vielen, vielen Aufgaben, die erledigt werden müssen. Mehr, als alle in einem Winter schaffen können, selbst bei vollem Einsatz. Da schreit es an allen Ecken und Enden: „Reparier’ mich, mach mich sauber, mach’ mich besser, lass’ dir was einfallen, …“ Nix mit’m Grog am Ofen sitzen und Beine hoch.

Und dann musste noch der neue Schlepper gekauft werden, weil der alte keine Kraft mehr in den Forderarmen hat und das Hydraulikgetriebe liegt so ungefähr in der Mitte von dem ganzen Gerät. Da war das Weihnachtsgeld auch schon wieder futsch.

Die Wintersaison ist gelaufen. Gott (oder was?) sei gelobt und gepriesen. Wir sind nicht verhungert. Aber trotz Variationen hab’ ich rote Beete satt! Und Möhrchen auch.

Hannes und Bohnerich werden künftig auch wieder jede Woche liefern. Viele von den leckeren Sachen, die dann kommen, sind jetzt schon in den Gewächshäusern vorbereitet und strecken die ersten Blättchen der Sonne entgegen. Es ist eine Freude! Die üppigen Saisons stehen in den Starlöchern. Halten wir uns bereit!

Roderich