2. Abschiede                                                                         August 2016

Manchmal sind Abschiede nicht so schwer. Wenn man sich von Menschen trennt, mit denen das Zusammenleben und Zusammensein schwierig, zehrend, unerfreulich, belastend war. Manchmal kann man mit jemandem zusammenarbeiten und arbeitet doch nicht zusammen. Dann verabschiedet man sich mehr mit lachenden als mit weinenden Augen: Ab (mit'n) Schiet. Danach ist die Luft klarer, frische Energie für einen Neubeginn.

Auf dem WeidenHof werden viele Abschiede genommen – mehr oder weniger bewusst, mehr oder weniger intensiv, mehr oder weniger berührend, bewegend. Wenn die Tiere zum Beispiel zum Schlachthof gebracht werden, dann geht das nicht spurlos an den „Betreuern“ vorbei. Alle Tiere wurden liebevoll und mit hohem persönlichem Einsatz aufgezogen, wurden täglich persönlich gefüttert, durch Krankheiten begleitet und oft gestreichelt. Hier hat das Schaf nicht das Gefühl, ein Stück Nutzvieh zu sein. Viele Schafe haben Namen, alle haben Charakter. Man kennt sich. Vor zwei Jahren, als einige Schafe und Lämmer im Herbst geschlachtet werden mussten, war zwei Tage lang Trauer angesagt, so etwa schrieb die Schäferin in einem Rundbrief. Das hat mich sehr beeindruckt. Ich wusste, es war keine sentimentale Trauer, aber auch kein Ereignis, das sie kalt abtropfen lässt. Dieser Abschied möchte wahrgenommen werden, er möchte Beachtung finden. Und er findet sie.

Ist jemals jemand über das Wesen des Rindes, das geschlachtet werden soll, so mitfühlend und umfassend informiert worden wie wir in diesen Tagen im Rundbrief über die vier Tiere, die zum Metzger sollen? Ein Teil ihres Lebenslaufes, ihr Temperament, ihr Sozialverhalten...Ich glaube, das ist einmalig. Stell dir vor, du hast den Braten auf dem Tisch und weißt: das war die wilde Mascha oder der friedliche Felipo und du schmeckst plötzlich die Wildheit oder die Ausgeglichenheit. Ist das nicht völlig abgefahren?

Der Bauer isst selber kein Fleisch. Auch das finde ich bemerkenswert.

Sein Wunsch ist es indessen, dass die Rinder, die gegessen werden sollen, auf der Weide geschossen werden. Abschied kurz und schmerzlos da, wo ihr Zuhause ist, wo sie immer waren. Aber das ist nicht erlaubt. Das Gesetz will, dass kein Blut in den Boden fließt. Viele Gesetze machen das Leben nicht angenehmer.

Für einige Tiere schließt sich also der Kreislauf: Geburt, Aufzucht, Schlachtung, Braten auf dem Tisch. Und selbst beim Essen noch einen Gedanken und einen Dank an das Tier schicken ….

Nicht viel anders ist es bei den Hühnern. Am Abholtag ist die Hühnerpflegerin bedrückt. Natürlich ist es ein Abschied.

Wir fahren nach Uelzen, der Bauer und ich, um die frisch geschlachteten Hühnchen und Hähnchen abzuholen. Eine zertifizierte Bio-Schlachterei des Bauck-Hofes. „Alles safe,“ sagt der Chef. Das heißt: Alles steril und vorbildlich in Ordnung. Das klingt schon ein bisschen nach „Industrie“. Aber da geht die Tür der „Fabrik“ auf, die wir nicht betreten dürfen, ein freundlicher Mitarbeiter bringt die eingeschweißten Händl und sagt: „Die sahen gestern noch ganz anders aus. Das waren sehr schöne Tiere.“ Ein großes Lob, eine eindeutige Wertschätzung der Pflege und der Haltung. Und dann kommt ein anderer Mitarbeiter und sagt:“Die Hühner waren so schön, es war eine Freude, die zu schlachten.“

Im ersten Moment kommt mir dieser Satz ganz komisch vor. Aber dann verstehe ich: Auch hier geht nicht alles mechanisch ab, auch hier stehen Menschen mit Gefühlen am Band, sie schlachten die Tiere, das ist ihr Job, aber sie behandeln sie den Umständen entsprechend mit Respekt und quälen sie nicht. Und freuen sich, wenn sie aussehen wie gemalt.

Wenn nun ein solches Huhn gebraten auf dem Tisch steht, dann weißt du: es ist vom Anfang bis zum Ende gut und freundlich behandelt worden. Und dann lass es dir schmecken!

Ist die Lebensdauer das entscheidende Maß im Leben eines Tieres, eines Menschen?

Was ist die Würde eines Tieres?

Haben Pflanzen auch eine Würde?

Sehr viele Jahre zurück hörte ich eine Geschichte, sich sich offenbar eingeprägt hat:

An den riesigen Tulpenfeldern in Holland steht ein Mensch und sagt zu den Blumen, die in voller Blüte stehen:“ Ihr Armen, in Kürze kommt der große Mäher und schneidet euch allen die Köpfe ab, damit die Zwiebeln kräftiger werden.“

Und die Tulpen sagen:“ Wir wissen das. Und es ist in Ordnung. Es ist unsere Bestimmung.“

Manchmal habe ich Abschiedsgefühle beim Ernten der Bohnen. Vielen Dank, dass ihr so üppig gewachsen seid. Aber jetzt werde ich euch pflücken. Ich hab' euch zum Fressen gern.

Einige Bohnen sind mit ihrer Bestimmung nicht einverstanden und halten sich wirklich gut fest. Andere lassen einfach los. Es ist wie bei uns.

Angelo Branduardi hat ein Lied geschrieben, das ich übersetzt hab':

Der Hirsch

„Sag' uns, großer Meister, warum sitzt du so still da?

Und wo sind die Trophäen, die du sonst nach Hause bringst,

wie den Tiger aus Bengalen in deiner großen Halle

und von Löwe und von Zebra die Felle an deiner Wand?“

„Kürzlich, ihr Freunde, da ging ich ganz alleine

jenseits der Berge, als die Regenzeit begann.

Immer den Wind von vorne, so pirschte ich hin, wo die Rehe weiden,

da stand er plötzlich vor mir, der mächtige Königshirsch.

Es ist die reine Wahrheit, ich sag's euch, der Himmel, er ist mein Zeuge;

sanft und gelassen sprach das gewaltige Tier mich an:

'So steht es in den Sternen, heut' ist mein Todestag!

So nimm denn hin als Opfer, was ich dir geben mag.

Dies herrliche Geweih hier als Stütze deines Bogens,

die Ohren als Gefäße, um Damen zuzuprosten.

Nimm diese Augen als leuchtend klare Spiegel

und diese Haare als Pinsel für die Rasur.

Zehn Tage soll mein Fleisch dich ernähren,

aus dem Fell mach' einen warmen Mantel,

und für Mut und Stärke sei dir meine Leber gut.

So steht es in den Sternen geschrieben:

dieser Körper ist jetzt dein Diener,

sieben Mal ist er fruchtbar

und sieben Mal neu gebor'n.' “ (Ich weiß nicht, was das symbolisch bedeutet)

„Sag' uns, großer Meister, warum bist du so schweigsam?

Und wo sind die Trophäen, die du sonst nach Hause bringst?“   ---

Nicht jedes Tier stirbt hier so bewusst. Manche hätten sicherlich gerne länger gelebt. Das kommt auch daher, weil wir nicht nach Indianerart jedes Tier erst fragen können.

Abschiede von Arbeitskräften auf Zeit, Praktikant/inn/en, Lehrlingen und Lehrlinginnen, immer wieder gehen vertraute Gesichter, mit denen man zusammen im Dreck gewühlt hat. Klar, wir kommen noch mal vorbei. Es war schön hier. Trotzdem fließt gelegentlich Herzblut. Das ist gut so.

Irgendwann kommt auch der Abschied von dem Hähnchen, das nicht auf seinen Beinen stehen kann. Es ist jetzt im „Krankenhaus“ in netter Gesellschaft von zwei Hennen, beide Habichtsopfer. Ein Mensch wird bestimmen, wann sein Leben zu Ende sein soll. Oder?

Ich bin jetzt 64 geworden. Auch mein letzter Abschied rückt näher.

Ich hab' so viele überflüssige Informationen im Kopf und weiß so wenig darüber, was „in den Sternen steht“ und was „Bestimmung“ bedeutet.

Der WeidenHof ist ein Lehrer, so wie ihn mir oft gewünscht hab'.

Auch Abschiede kann ich hier lernen.

Das wollte heute mal gesagt sein.

Roderich