September 2016

„Ich will jetzt nicht mehr arbeiten,“ sag’ ich zum Bauern, nachdem ich stundenlang gekrautet habe. „Ich will jetzt Trecker faahn!“

„Trecker fahren ist auch Arbeit“, sagt der Bauer.

„Leute über’n Hof führen und ihnen was über Bio erzählen, ist das auch Arbeit?“ frage ich den Gärtner.

„Jedenfalls ist es keine Freizeit“, erwidert er.

Der Lehrling, seine Freundin und ich, wir stehen auf dem Ackerwagen, vor uns der Trecker und die Heuballenpresse. Die fertigen Ballen werden über ein Gestänge auf den Anhänger gedrückt. Zuerst geht das locker zu dritt, die unteren Reihen sind bequem zu bauen. Aber der Turm wächst. 10, 12 Lagen hoch wird gestapelt. Einer steht jetzt noch unten, einer in der Mitte, einer oben. Hoch die Ballen, aber mit Schwung.

Man hat von oben eine wunderbare Aussicht, aber es schaukelt. Wir sind nicht gerade die erfahrenen Stapelprofis. Wird der Turm halten oder machen wir mit samt der Ladung einen Abgang, wenn er bei der Rückfahrt nicht unter die Bäume passt oder zu sehr schwankt? Ein Abenteuer, ein Vergnügen, ein voller Einsatz. Zwei Wagen voll. Dann zur Scheune, abladen auf’s Förderband, oben fallen die Ballen von der Decke, schnell wegnehmen, stapeln. Der vorletzte Ballen fällt mir noch auf den Kopf. Der Lehrling findet die Brille im Heu, sogar das Glas, das sich aus der Fassung gelöst hat. Alles ist gut.

Spät abends sitzen wir kurz zusammen, spüren jeden Muskel, völlig verstaubt bis in Ohren und Nasenlöcher, aber die Augen glänzen.

„Was für ein Tag!“ sagt der Lehrling und lächelt.

Große Zufriedenheit breitet sich in mir aus.

Arbeit hat seit meinen Kindertagen einen üblen Beigeschmack. „In die Fabrik gehen…“ Wenn meine Mutter das erwähnte, war es wie eine Drohung. Wenn ich nicht gut lernen würde, müsste ich später in die Fabrik gehen und arbeiten. Ein Arbeiter hatte bei ihr wenig Achtung.

Dann erzählte mir Karl Marx von entfremdeter Arbeit. Der Arbeiter verkauft sich für (wenig) Geld an den Kapitalisten und hat mit dem, was er erschafft, nichts mehr zu tun. Er ist nur ein kleines Rädchen in einem unüberschaubaren Getriebe und wird bestmöglich ausgebeutet.

Ich beschloss damals, wenn’s geht immer aktiv zu sein, zu schaffen, zu werkeln, etwas zu leisten, anzupacken… aber nicht zu arbeiten.

Das ist mir natürlich nicht gelungen. Ich habe früher auch gearbeitet; manchmal ohne etwas wirklich zu leisten, aber mit dem üblen Beigeschmack der Entfremdung.

Jetzt bin ich in Rente. Ich muss nicht mehr „arbeiten gehen“. Aber ich darf mich noch beschäftigen. Ist das keine Arbeit?

„Bist du jetzt oft auf dem Weidenhof?“ fragt jemand.

„Ja, das ist mein neuer Spielplatz,“ antworte ich.

Der Unterschied zwischen Arbeit und Arbeit liegt vielleicht darin, dass man die eine gerne macht und sie einen erfüllt und man sieht, was man geleistet hat und bei der anderen eigentlich nur dem Feierabend entgegenlechzt; Ätzkram machen muss.

Mir verschwimmen auf dem Weidenhof die klaren Grenzen zwischen Arbeit und Vergnügen. Ich muss nicht – ich möchte. Und ich darf.

Ich habe keinen Chef, der aus einem praxisfernen Elfenbeinturm dirigiert und Macht ausübt. Ich hab’ Respekt vor der Fachautorität des Gärtners, aber eine Machtautorität will er nicht sein. Niemand hier!

Und ich hab’ nicht die große Verantwortung auf den Schultern. Und ich hab’ auch nicht die Geldsorgen an den Hacken. Keine Verträge zu erfüllen und keine Verhandlungen zu führen. Wie oft ist es alleine der Druck im Kopf, der das Spiel zur Arbeit macht. Da hab’ ich natürlich hier als Seniorpraktikant einen großen Vorteil.

So kann ich auch mal 12, 14 Stunden am Tag mitmachen und ackern und werkeln und basteln und bin spät abends glücklich kaputt. Die Helligkeit bestimmt den Tag mehr als die Uhr. Im Sommer geht es um 6 Uhr los, manchmal früher. Solange es abends noch hell ist, kann ich gut noch draußen sein. Die Frage „arbeitest du noch oder lebst du schon“ stellt sich nicht so krass. Wie in alten Zeiten werden Arbeit und Leben zu einer immer stärkeren Einheit. Und die Uhrzeit verliert spürbar an Wichtigkeit.

Wenn der Gärtner „Meddaaach“ ruft, dann ist es eins und dann gibt’s was zu essen, und sonst ist es ziemlich egal, wie viel Uhr es ist. Termine? Dem Beikraut ist es schnuppe, wann man es rupft. Hauptsache man rupft!

Immerhin kann ich abends noch nach Hause fahren, wenn ich will. Für die Weidenhöfler ist der Arbeitsplatz auch das Zuhause. Das kann sehr schön sein, ist es aber durchaus nicht immer. „Das kann auch zur Besessenheit werden“, sagt die Schäferin. Man hat keine Rückzugsmöglichkeit mehr. Alles dreht sich um den Hof.

Nach Adams folgenschwerem Apfelbiss hat es das Paradies auf Erden nicht mehr gegeben. Aber manchmal, für einen Moment oder zwei, gibt es keine Arbeit bei der Arbeit und die Zeit bleibt einfach stehen und das Bohnenzupfen ist das einzig Wichtige auf der ganzen Welt. Dann fühle ich mich nahe dran am Paradies.

Mir fällt noch ein Lied ein, das ich sehr gerne mag. Donovan hat es geschrieben und ich hab’ meine eigene, freie Übersetzung:

I         If you want to live life free,   -   Wenn du dich frei fühlen willst im Leben,

            take your time, go slowly,   -   dann nimm dir deine Zeit, mach’ langsam!

d          do few things but do them well,-    Fang’ weniges an, aber mach’ es ordentlich.

h          heartfelt work grows purely.   -   Arbeit, die von Herzen kommt, wächst als eine saubere Sache.

If         If you want your dream to be, - Wenn du möchtest, dass dein Traum wahr wird,

           build it slow and shurely - dann baue ihn langsam aber sicher auf festen Boden.

S         small beginnings, greater ends, - Was du dann klein beginnst, endet groß(artig).

S         simple joys are holy. – In den einfachen Freuden liegt das Heilige.(Zen im Alltag)

          Day by day, stone by stone   Tag für Tag und Stein auf Stein

          Build your secret slowly   -      mach dein Ding und mach es unauffällig.

          Day by day, you'll grow too   – Tag für Tag wirst auch du dann wachsen

         You'll know heaven's glory  -   und dann weißt du, was Himmelsglück (?) ist.


Guck mal bei Wikipedia, wie viele Möglichkeiten es gibt, Arbeit zu bestimmen. Arbeit und Zeit sind Riesen. Ihnen wird immer mehr Bedeutung beigemessen. Wir spüren aber alle: diese Tendenz ist völlig ungesund.

Und wenn es nur ein ganz kleines Stück hier auf dem Weidenhof wieder in die andere Richtung geht, in Richtung „einfach (nur) leben“, dann ist es schon gesundend. Belebend. Heilsam.

Ein paar Gedanken hätte ich noch --- aber:

Es wird Zeit – an die Arbeit!

Roderich