Flüstern                                                             Oktober 2016

Das ist schon eine ganze Weile her: der Bauer war noch Knecht und war im Gemüse zu Gange und ich war nur gelegentlich auf dem Weidenhof und hatte wenig Einblick. Trotzdem fiel mir auf, dass der Knecht im Umgang mit Pflanzen und Tieren von besonderer Art war. Besonders sorgfältig, besonders achtsam, besonders empfindsam, und anders eben.
„Der kann mit den Pflanzen reden“, sagte ich mal, und das hat er gehört. Da schaute er verwundert und skeptisch, als wisse er mit solchen Worten nichts anzufangen.

Mit Tieren kann man noch reden, die verstehen sogar manchmal etwas. Wenn die Schäferin ihrem Hund sogar auf Englisch sagt, er solle sich hinlegen, dann macht er das – oder er macht es nicht, jedenfalls kann man mit ihm reden. Aber mit Pflanzen reden oder sogar mit Dingen – das ist schon sehr schräg, - oder?

Monty Roberts wurde bekannt, weil er mit Pferden flüstert. Er verständigt sich mit ihnen auf eine Art, die uns ungewohnt ist. Es scheint, als nehme er sehr sensibel ihre Signale auf und verstehe es, ihnen Signale zu geben. Er lässt sich ganz tief auf sie ein. Das funktioniert auf verblüffende Weise.
Irgendwann fiel mein Blick in einem Katalog auf ein Buch, das heißt „Schneckenflüsterer“ und lehrt, wie man auf ähnliche Weise die Schnecken aus seinem Garten vertreibt. Nacktschnecken – die haben doch schon eher die Gehirnmasse einer Pflanze; und mit denen soll man flüstern? Kann ich denn auch der Melde etwas flüstern oder dem Rotkohl?

Was bedeutet das: reden mit Pflanzen oder mit Tieren flüstern?
„Keine Ahnung“ sagen manche jungen Leute oft im Gespräch. Und „keine Ahnung“ haben wir fast alle: Wissen und Bildung, Intelligenz und Verstand, das haben wir, und das hat einen immer höheren Stellenwert bekommen. Ahnung, Eingebung, – ich weiß es gar nicht auszudrücken, was uns denn nun fast völlig verloren gegangen ist, aber es ist so gut wie weg. Es gibt keine Worte mehr für das, was passiert, wenn man Kontakt mit dem Wesen der Tiere, der Pflanzen und der Dinge aufnimmt. Unsere Ahnen, vor sehr langer Zeit, die hatten noch Ahnung. Sie waren intellektuell nicht sehr weit gediehen, aber in engem Kontakt mit der Natur. Mit dem Wesentlichen. Sie wussten mit dem Wesen des Wetters, dem Wesen der Landschaft, des Bodens, der Steine und der Pflanzen durchaus etwas anzufangen. Sie konnten sich mit den Wesen der Dinge und der Erscheinungen verständigen, konnten mit ihnen flüstern. Sie konnten deren Kraft spüren und sie ihre eigene Kraft spüren lassen. Manche Wesen bekamen Namen, die uns heute nur noch märchenhaft vorkommen: Gnome, Trolle, Feen, Elfen, Naturgeister, ….

Jemand erzählt von einem Demeterhof, der seine Milchabfüllung auf Tetrapacks umgestellt hat und die Abfüllanlage hat Mist gebaut. Die alte Bäuerin sagte, dass kleine graue Männchen die Anlage blockieren würden. Wir lachen alle über den Blödsinn. Aber ich glaube, sie hat eine Ahnung, sie hat nur keine Worte mehr, um sich uns verständlich zu machen. Wir sind natürlich Wissenschaftler, wir können alles sachlich erklären, wir sind so klug, so richtig verdammt klug! Und sie ist eben blöd. Sie glaubt an graue Männchen.

Findhorn fällt mir ein. Findhorn ist eine spirituelle Gemeinschaft in Nordschottland, die in den Siebzigern bekannt wurde, weil sie Gartenbau mit spektakulären Ergebnissen betrieb. Die Menschen dort ernteten riesige Kohlköpfe auf magerem, sandigem Boden, bei ihnen blühten Rosen im strengen Winter. Die Findhorner nannten sie „Pflanzendevas“, die Wesen der Pflanzen, mit denen sie in Kontakt treten konnten. Sie wussten, wie man mit Pflanzen flüstert. Das war das Geheimnis ihrer Erfolge im Garten und auf dem Acker. So jedenfalls sagten sie.
 
Es gibt Kräfte, es gibt Energien, es gibt Schwingungen und Strahlungen, von denen haben wir keine Ahnung. Wir haben andere Sachen gelernt, aber über Chi-Kräfte und Pflanzendevas wissen wir fast nichts. Und das Wissen wäre auch der falsche Platz dafür. Die Kenntnis um das Wesentliche sitzt irgendwo anders als im Kopf.

Seit dreißig Jahren steht auf dem Hof eine alte Pflanzmaschine im Regen. Die soll ich zerlegen, damit Teile wieder gebraucht werden können. Jede Schraube ist völlig verrostet und eins geworden mit dem, wo sie gerade drinsteckt. Sie zu lösen ist eine Herausforderung.
Sagt der Bauer, der gerade vorbeikommt, vergnügt: „Sprichst du auch mit den Schrauben, wenn du sie losdrehst?“
Ich zögere. Aber dann: “Ja sicher mache ich das, ich versuche es, ich…“
Was mache ich denn da? Ich gehe mit Bewusstsein und Konzentration in die Hand, in die Knarre, in die Nuss, in die Schraube, ins Gewinde, in das Eisen, in den Rost, in die Mutter, in die Drehrichtung, - ach – wenn ich darüber rede, ist es schon wieder schnell Unsinn.
Auf jeden Fall haben alle Schrauben nachgegeben, nur eine musste ausgebohrt werden. Man kann sich ja nicht mit jedem gut verständigen.

Wir haben dann eine gebrauchte alte Pflanzmaschine in Grasberg gekauft. Eine Zweisitzige. Und der Gatte der Magd hat aus unserer eigenen einen Sitz mit Pflanzgerät daran geschweißt. Jetzt ist es ein perfekter Dreisitzer. Ich war leider nicht dabei, aber ich konnte am Ergebnis und an den Schweißnähten sehen, dass er mit dem Metall geflüstert hat. Aber so einen Quatsch darf ich ihm nicht sagen.

Und wieder habe ich ein Lied, das mir aus der Seele spricht. Vier Frauen, Aquabella, haben es für mich gesungen. Das Gedicht hat ein Eingeborener aus Afrika, Birago Diop, geschrieben. Es heißt “Breaths”, Atemzüge. Hier der Anfang:

 Listen more often to things than to beings.
                          Horche mal öfters auf die Dinge als auf die Menschen.
 ‘tis the ancestor’s breath when the fire’s voice is heard,
            Es ist der Atem der Ahnen, wenn du die Stimme des Feuers hörst.
  ‘tis the ancestor’s breath in the voice of the waters…
                  Es ist der Atem der Ahnen in der Stimme des Wassers….

Du brauchst nicht an Ahnenverehrung zu glauben, wie die Afrikaner es tun. Du kannst Ahnen durch Ahnung ersetzen. Das ist fast dasselbe. Die Dinge haben uns etwas zu sagen. Nicht nur Pferde flüstern mit Monty; wenn wir zuhören könnten, Ahnung hätten, würden auch wir die Stimme der Erde hören und das Flüstern der Tomaten.

Als die Weidenhöfler anfingen, den Acker zu bebauen, sagte einer: „Das ist im Grunde nur Sand und Staub.“ Was darauf gedeiht ist Quecke.
Inzwischen wachsen dort Salatköpfe; über die ich nur staunen kann, üppig, satt und dick und prall wächst und reift alles Gemüse. Na ja, fast alles. Vieles lässt sich erklären: Arbeit, Einsatz, Jäten, Wässern, natürlicher Dünger, ein Trick hier und da. Aber das ist nicht alles!

Ich möchte gerne dieser Ahnung wieder näher kommen. Ich genieße es, mit den Pflanzen alleine zu sein. Mich stört ein Radio, ein belangloses Gespräch, ein überflüssiger Lärm. Ich brauche keine Unterhaltung, wenn ich mich mit den Bohnen unterhalte.
Ich hab’ auch keine Ahnung, ich bin aber sicher, da ist noch was, wo ich lauschen möchte.

Letzte Woche haben wir mit der Maschine Kartoffeln gerodet. Da fliegt dir der Staub nur so um und in die Ohren. Nach kurzer Zeit erkennt dich deine Mutter nicht mehr.
Wir sind spät dran. Viele Kartoffeln sind von Quecken durchbohrt. Zu viele. Dann greife ich auch schon mal zu schwarzer Magie und flüstere:
„Quecke verrecke!!!“ Das ist aber nicht der richtige Weg. Deshalb ist ihm wahrscheinlich auch kein Erfolg beschieden.

Der Weidenhof ist sicherlich kein Platz einer spirituellen Gemeinschaft. Weder mit Pflanzendevas noch mit anderem Spökenkrams hat hier jemand was zu tun. Bestenfalls noch mit Präparaten. Überhaupt: über solche Dinge zu reden ist schon der Anfang von Missverständnissen. Besser man redet nicht drüber und tut es einfach.
Aber: Wer flüstert, der lügt nicht!

Das wollte heute gesagt werden.

Roderich