Novemver 2016

Zu mir: Fast mein ganzes Leben lang habe ich mit kleinem Geld gelebt. Was Konsumgüter betrifft, repariere ich gerne, Flohmärkte sind ein beliebter Aufenthaltsort, Schrottplätze, Secondhand-Läden. Ebay startete vor 20 Jahren meinen Einkauf aus dem Wohnzimmer. Und auch bei Aldi hab‘ ich manches Überlebensmittel ’rausgetragen.

Ich bin Schnäppchenjäger. Und Preisstratege. Was wie viel gekostet hat, weiß ich oft noch bei Sachen, die ich vor 30 Jahren gekauft habe.  

Am besten wenig Geld für viel Material. Preiswert hieß: billig! Viel Wertvolles wird einfach weggeschmissen oder billig verschleudert, weil es nicht mehr dem neuesten Stand oder der Mode entspricht. Das ist nur einer der vielen üblen Auswüchse des Kapitalismus. Das ist nicht gesund. Ich weiß es. Und nutze es trotzdem. Schadet ja auch offensichtlich keinem. Wer darunter letztendlich leidet ist oft sehr schwer zu erkennen.

Und jetzt zum Weidenhof: Solidarische Landwirtschaft. Da zahle ich monatlich meinen Anteil, immer dasselbe Geld, damit die Arbeiter sich ein Butterbrot schmieren können und der Traktor was in den Tank bekommt.

Im Sommer können wir zu zweit die Vielfalt des Angebotes nicht alleine essen, im Winter stehen mir die (leckeren!) Möhren gerade bis Oberkante Unterlippe. Aber ich habe keine Ahnung, was denn nun der Kürbis gekostet hat oder das Kilo Kartoffeln. Und erst die „Geschenke“, bekomme ich sie geschenkt, sind sie umsonst? Das wär’ ja ein Schnäppchen! Ist mein Gemüse im Sommer günstig, ist es preiswert? Und im Winter – verglichen mit dem Bio-Laden zum Beispiel – eher teuer?

„Wat nix kost’, is’ auch nix!“ pflegte meine Oma zu sagen. Und: „Qualität hat ihren Preis.“ In dieser Art denken wir gewöhnlich. Könnte man auch anders denken? Denkt solidarische Landwirtschaft anders?

Die Hühner auf dem Weidenhof erfreuen sich eines Hühnerlebens, das es kaum noch woanders gibt. In ihren mobilen Appartements reisen sie alle paar Wochen auf unverbrauchte Wiesenstücke, wo sie scharren können nach Herzenslust, in Sandbädern baden, Körnerfutter essen, im Schatten der Hecken ruhen, sich vom vitalen Hahn bespringen lassen und gelegentlich im sauberen, weichen Nest ein Ei legen. Und sie werden jeden Tag betüddelt. Wer das richtig verstehen will, muss die Hühnerfrau erleben, die täglich viele Stunden mit ihnen verbringt. Wenn das nicht idyllisch ist. Bis sie dann nach etwa einem Jahr gegessen werden, hatten die Hühner es wirklich nett, außer, wenn der Habicht kam.

Nur um dir einen Eindruck zu geben, was dann an Geldwert bei dir auf dem Teller liegt, mache ich ein Rechen(bei)spiel .

Ein Hybridhuhn ist ein Huhn, das aus zwei Arten gezüchtet ist, so dass es zum Beispiel reichlich Eier legt. Seine Küken würden aber diese Eigenschaft nicht unbedingt erben. Jedes Hybridhuhn muss deshalb gekauft werden. Eine Demeter-Hybrid-Junghenne, wie der Weidenhof gerade wieder etliche angeschafft hat, kostet – nun setz dich bequem hin und halte dich fest – die kostet 16 Euro.

Um die Rechnung einfach zu machen, nehmen wir 150 Hühner, die sich durchschnittlich auf dem Weidenhof vergnügen. Die scharren und picken auch auf der Wiese, aber Gras können sie ja nicht verdauen. Also bekommen sie Körner. Und zwar – sitzt du noch bequem? – sechs bis sieben Tonnen Demeter-Getreide im Jahr, pro Tonne 900 Euro, rechne sechsmal 900 = 5400 Euro Futter durch 150 Hühner = 36 Euro pro Huhn pro Jahr. Plus Anschaffung macht das schon mal 52 Euro.

Die Versorgung der Hühner mit allem Drum und Dran rechnen wir mal ganz knapp mit 1 ½ Stunden Arbeit pro Tag und legen den Mindestlohn von 8,50 zugrunde. Das sind im Jahr 546 Stunden, also 4641 Euro durch 150 Hühner = knapp 31 Euro pro Huhn, das jetzt 83 Euro kostet. Dazu ein paar Kleinigkeiten, vorgeschriebene Impfungen und so was, das rechnen wir kaum, sag’ mal 1 Euro. Dazu Strom und Wasser, was weiß ich, sagen wir noch mal zwei Euro, das ist aber knapp gerechnet. Dann kommt das Schlachten bei Bauckhofs in Uelzen. Bio-Schlachterei, dreimal Hin- und Herfahren. Das Schlachten alleine – halt dich fest – knapp 5 Euro pro Tier. Plus Fahrkosten, sagen wir 1 Euro, das macht dann 92! Nicht gerechnet der Preis des „Wohnens“, Anschaffung, Instandhaltung der Wagen und Pacht der Wiese, das ist mir zu kompliziert.

Was du jetzt bei dir auf dem Teller hast, ist ein Suppenhuhn im Preis von fast 100 Euro, knapp gerechnet. Na, dann lass’ dir’s mal schmecken!

Nun hat das Hybridhuhn aber fast jeden Tag ein Ei gelegt. Etwa 300 Eier im Jahr. Wenn du jetzt möchtest, dass dein Demeter-Suppenhuhn auf dem Teller nicht mehr als 5 oder 7 Euro kostet, dann bleiben von den Kosten sagen wir 90 Euro für die Eier, das macht – ratter ratter - 30 Cent pro Ei.

Das geht ja noch; ich hab’ selbst erst gedacht, das wäre viel mehr.

Die „Mehrzweck-Hühner“ legen weniger Eier im Jahr, da würde das Ei dann teurer, aber die Anschaffungskosten fallen weg, statt dessen Brut und Aufzucht. Wärmelampen brauchen auch Strom. Die Hähnchen, die zu Speisezwecken mit aufgezogen werden, um sie nicht als Küken zu schreddern, bringen kein Eigeld, werden aber auch nur wenige Monate alt und liegen dann geschätzt irgendwo um die 15 bis 20 Euro.

Und jetzt kommen die Kosten für die Hygienemaßnahmen dazu, die bis nächsten Mai (!) durch die Vogelgrippeverordnung entstehen. Pro Ei 5 Cent und pro Huhn 2,50 Euro über’n dicken Daumen.

Haben die Tomaten geschmeckt? Na, was kosten sie denn? Da waren welche bei, wo du alleine für einen Samen schon 1,50 Euro hinlegst.

Weißt du, was eine taube Tomate ist? Da hat die Blüte keine Hummel abbekommen. Die Tomate bleibt klein und matt. 80 Euro kostet eine Sendung Hummeln, die verhindern, dass die Tomaten taub werden. Manchmal werden die Triebe der Tomaten, die sich einen Pilz eingefangen haben, einzeln mit dem Bunsenbrenner versorgt. Und so weiter. Und so weiter.

Dann kommt ein Paket mit Ersatzteilen für die Mähmaschine. Die schneidet das Gras für die Schafe. Wenn das Futter für die Kühe geschnitten wird, dann ist es eine Muhmaschine. Sechs Messerhalter aus Federstahl würden gebraucht, drei sind bestellt und gekommen, die kosten alleine 270 Euro, die anderen drei sind gerade nicht bezahlbar, da müssen die alten wieder ihren Job machen. 270 Euro. Plus spezielle Schrauben, zehn Euro das Stück, zusammen knapp 400 Euro. Und so geht es dauernd. Alles kostet ein Schweinegeld.

Und das Geld ist knapp. 8,50 Euro Mindestlohn für’s Hühnerversorgen, das war ein Witz. Haha! Niemand verdient hier 8 Euro 50 für jede Arbeitsstunde. Lange nicht. „Aber wenn’s für die Betriebsmittel nicht mehr reicht“, sagt der Gärtner, „dann ist Essig.“

Geiz ist da nicht wirklich geil. An Betriebsmitteln zu sparen, das rechnet sich überhaupt nicht. Da muss einfach pünktlich was Ordentliches her. Nutzt ja nix.

Als Mitglied musst du den Hof bezahlen, die Pacht, die Demeter-Hybrid-Junghenne, auch die, die der Habicht sich holt, das Futtergetreide, die Hummeln, den Bunsenbrenner und die Messerhalter aus Federstahl. Und alles andere auch. Das ist die Grundlage, damit überhaupt etwas wächst. Dafür bekommst du die Ackerfrüchte und die Filets ohne Preis, ohne Geld, ohne Rechnen. Wie rechnet sich die Gesinnung, jeder Pflanze, jedem Tier, jedem Mitglied und Mitarbeiter und der Natur – außer manchmal sich selbst – nur das Beste zu geben? Wie rechnet sich die Liebe, die Fürsorge, die Geduld, die Ausdauer, die Bereitschaft, bis an die Grenze der Leistungsfähigkeit und gelegentlich darüber hinaus zu gehen? Wie rechnet sich die Bereitschaft aller, viele, viele Stunden für lau zu arbeiten?

Da stellt sich plötzlich die Frage nicht mehr: Ist das noch preiswert? Da ist kein Preis mehr, nur noch ein Wert. Dieses Fleisch, dieses Gemüse ist preislos, nur noch wertvoll. Qualität ohne Preis. Kein Schnäppchen mehr zu machen. Wo soll ich feilschen und sagen, ey, ich will nicht so viel bezahlen oder ich hab’ nicht so viel Geld? Beim Bauck-Schlachthof? Beim Diesellieferanten? Bei den Arbeitshandschuhen?

Einfach ist das nicht, oder? Die alten Denkgewohnheiten sitzen fest wie verrostete Schrauben. Über 100 Euro jeden Monat soll ich für die Reparatur einer Muh- oder Mähmaschine bezahlen, die ich gar nicht besitze?

Vielleicht geh’ ich ja doch lieber zu Lidl. Ich meine, die Hühner für 3,33 Euro sind ja tot, denen ist es doch egal. Hm?

Preis und Wert oder preiswert? Ich habe die Wahl. Wir haben die Wahl.

Das wollte heute gesagt werden.

Bohnerich