Lammzeit                                      März 2017

Mitte Februar werden eines Morgens 11 Böckchen vom vergangenen Jahr nach Eyendorf gefahren um dort geschlachtet zu werden.

„Sie sind ganz problemlos in den Hänger gestiegen, ganz problemlos wieder raus, dann ein letztes Mal streicheln, sie haben keinerlei Stress gemacht“, sagt die Schäferin.

Ein kurzes Schafleben, würden wir sagen. Aber ihnen bedeutet die Zeit nichts. Sie zählen nicht die Jahreszeiten. Sie haben gelebt. Sie hatten nur gute Tage.

Sie waren entspannt, vielleicht sogar neugierig. Hatten sie denn gar keine Ahnung, was ihnen blüht? Sie hatten Vertrauen, sie hatten keine Angst, kein Adrenalin, keine Stresshormone im Blut. Und genauso ist jetzt die Wurst.

Einen Tag später, als wäre es abgesprochen, bekommt die erste Schafmama Nachwuchs. Sie kennt sich aus, alles geht sehr einfach. Am nächsten Tag gibt es wieder Zwillinge. Die Moorschnucke ist Erstgebärende. Ein Junge und ein Mädchen. Das Mädchen lässt sie trinken, den Jungen stupst sie weg, dreht sich zur Seite, will ihn nicht an die Brust lassen. Immer wieder kriegt der Kleine Haue.

Alle Mütter bekommen, damit sie ein paar Tage Ruhe haben, eine Box für sich und die Kinder. Es ist machbar, sie darin ein paar Minuten festzuhalten, damit auch das Böckchen mal trinken kann. Wieder und wieder. Nach zwei Tagen gibt die Mutter vorläufig nach.

Manche Schafmamas bekommen erst Namen, wenn sie zum ersten Mal lammen. Diese soll – der Tradition nach mit „S“ beginnend, Selina oder Salome heißen, sagt die Schäferin. Ich nenne sie Salami. „Das ist geschmacklos“, sagt die Schäferin lachend. Finde ich nicht! Hieße sie Mozzarella, weil sie mit ihrem Bockbaby immer motzt oder Zucchini, weil sie bei Festhalten immer zuckt, wenn es ihr an die Brust geht, - na, dagegen hat Salami doch richtig Geschmack.

Als immer mehr Lämmchen und überwiegend Böckchen geboren werden, sagt die Schäferin in Gedanken an die geschlachteten Tiere: “Da seid ihr ja wieder!“

Dann wird sie krank, muss sogar ins Krankenhaus. Der Gärtner muss Schafstallnotdienst machen. Das ist ein aufwendiger Job. Manchmal muss man den Schafen beim Gebären helfen. Bis zu einer Stunde gebiert ein Schaf in der Regel. Wenn das Kind dann nicht gekommen ist, können Komplikationen vorliegen. Dann muss die Hebamme eventuell ziehen. Das bedeutet: Aufsicht rund um die Uhr mit wenigen Pausen.

Es ist kalt und nass, der halbe Hof versinkt im Matsch. Da muss man durch! Tag und Nacht. Ein paar Tage und Nächte wachen wir in Schichten, der Gärtner und der Seniorpraktikant, in aller Herrgottsfrühe kommt der Bauer, die beste Hebamme von allen. Der Gärtner hat sich seinen Schlafsack mitgebracht und nickert gelegentlich im Stroh.

Viele kleine Schäfchen kommen zur Welt, werden von Mama trocken geleckt, bekommen die Nabelschnur desinfiziert und manchmal gezeigt, wo Milch und Honig fließen. Die meisten stehen aber nach wenigen Minuten auf ihren Beinchen und finden ihren Weg alleine durch die dichte Wolle zur Quelle.

Es ist herzig, ganz berührend. „Wir haben wieder Zwillinge. Wir haben Drillinge. Wir haben ein ganz schwarzes Baby.“

Und vor allem: bisher leben alle und saugen und machen ihre ersten Sprünge und sehen einfach hinreißend aus.

Nur Salami ist mit ihrem Jungen wieder motzig. Der ist aber nicht blöd und lernt, wenn seine Schwester trinken darf, an der anderen Zitze zu nuckeln.

Der Vater aller Kinder ist Fynn, der Bock mit der Schädelplatte aus Panzerstahl. Er hat keinen eindeutig guten Ruf, weil er manchmal Anlauf nimmt und mit dieser Schädelplatte gegen einen Oberschenkel oder eine Schinkenbacke knufft. Dann wird die Stelle auch schon mal blau. „Er boxt“, sagt die Schäferin. Deswegen haben wir ihm zu Weihnachten ein Stück des Liedes vom Boxer vorgesungen: “I’m just a poor Schaf and my story’s seldom told ….“   Aber in letzter Zeit ist fromm wie ein Lämmchen und sehr streichelbedürftig. „Herzlichen Glückwunsch“, sag’ ich manchmal, wenn wieder ein Kleines geboren ist. Manchmal zieht er die Oberlippe hoch und zeigt die Zähne, das sieht dann aus, als ob er lacht.

Nach einigen Tagen werden die Schafmamas mit ihrem Nachwuchs dann aus der Box entlassen und schon tummelt sich jede Menge Kleinkram im Folientunnel, kuschelweiche Wollknäuels springen den Müttern auf den Rücken und versuchen, dort stehen zu bleiben, wenn sie aufsteht. Meistens klappt das nicht, aber der Ehrgeiz ist groß.

Die meisten Damen erfüllen ihre Aufgabe gewissenhaft, aber zwischendurch gibt es auch Flaschenlämmer, die zugefüttert werden müssen, weil die Versorgung nicht so klappt. Und ein Baby stirbt uns weg. „Manche Schäfereien“, sagt die Schäferin, „rechnen mit 40% Verlust bei den Geburten.“ Wir haben zum guten Schluss knapp 40 Schafkinder und einen einzigen plötzlichen Kindstod.

Inzwischen sind 200 Küken aus Mutter Brutmaschine geschlüpft. Die Hühnerfrau hat ihren Aufenthaltsraum ausgestattet wie eine große Puppenstube. Das ist ein Gewusel von all den gelben und dunkel gefleckten Vögelchen. Viel Leben erwacht im Vorfrühling auf dem Weidenhof und wächst so schnell heran.

Nach zwei Wochen bekommen die Vögelchen schon Federn und die Lämmchen knabbern schon am Heu.

Salami, so wurde festgestellt, war im falschen Buchstaben der Namenstradition. Die Mutter heißt „F…“, deswegen heißt Salami jetzt Falafel. Später stellt sich auch das als Irrtum heraus. Jetzt heißt sie Wilma. Also, ich würd’ kirre werden, wenn mir jeden Tag ein neuer Vorname verpasst würde.

Bei der letzten Gebärenden frag’ ich den Gärtner: „Wie heißt diese denn?“

„Weiß ich auch nicht“, sagt er. „Heißt Muddi!“

Ein heikles Thema ist der Wolf. Wenn er im Landkreis wieder zugeschlagen und Schafe gerissen hat, dann kommt Mitgefühl auf – und Angst. Es sind ja jetzt nicht nur irgendwelche Schafe und Lämmchen, es sind ja auch meine Lämmchen dabei. Wenn er sich an die ’ranmacht, dann gibt’s aber was. Neben den praktischen Maßnahmen wie doppeltem Elektrozaun und Wache schieben mixt der Bauer am Dreikönigstag ein Präparat aus Weihrauch, Myrrhe und Gold. Das wird auf den Wiesen und im Wald verspritzt.

Ich überlege: Die Männer könnten ja ihren Urin stauen und täglich das Revier markieren. Aber die Männer haben auch noch was anderes zu tun als Urin zu stauen.

Am Grundstück gibt es eine Wildkamera, die alles knipst, was sich vor ihr bewegt. Tagsüber sieht man Farbbilder von Hasen und Vögeln, nachts Infrarotbilder. Gelegentlich werden die Fotos angesehen. Da ist ein Fuchs, ein Dachs, ein Marder, ein Hase, ein Waschbär mit gestreiftem Schwanz, wunderbar, was sich alles nachts in der Nähe des Grundstücks herumtreibt, alle mit weiß glühenden Augen. Wieder ein Marder, und dann – ein Bild später – mir fällt die Kinnlade ’runter – der Wolf. Der Wolf ist am Grundstück.

Damit müssen wir jetzt leben und tun, was wir können und den Rest abwarten. Schön ist das nicht. Schöner wäre es ohne Wolf,

das wollte heute mal deutlich gesagt werden.

Bohnerich