Januar 2017

Happinez, die Zeitung für Lebensfreude mit der Anleitung zum Glücklichsein von Frau Bernstein liegt vor mir. Daneben eine Zeitschrift mit der ayurvedischen Formel für Glück. „Zum Glück gibt’s Expert“ steht auf dem Bus, als wir in Soltau an der Ampel warten. Glücklichsein kann man auf Wochenendseminaren lernen, jede Menge Bücher darüber lesen, wie man Glück hat und glücklich lebt, und kaufen kann man Glück in jeder Form. Alleine das Kaufen macht ja schon glücklich.

Glück ist ein sehr begehrter Zustand. Die Nachfrage ist größer als das Angebot. Es lässt sich deshalb wunderbar vermarkten, denn scheinbar möchte jeder raus aus seinem Elend und seinem Jammertal und rein in das möglichst immer währende Glücksgefühl.

Da überlege ich gerade, wie es in punkto Glück denn auf dem Weidenhof aussieht. Was mich betrifft, kann ich über einen Mangel nicht klagen. Als ich letzten Sommer beispielsweise den Iveco-Transporter zum ersten Mal rückwärts an die Gemüsehalle fuhr, stand eine Schraube weit aus der Wand und kracks hatte das Rücklicht ein Loch.

„Mir ist das völlig egal“, sagte der Bauer und ich dachte: „ Hab’ ich aber Glück gehabt“ und hab’ das Loch mit einem Klebestreifen dicht gemacht. In der nächsten Woche: die Einfahrt zum Depot in Scheeßel ist eng, eine Mauer steht vor, kracks, das Rücklicht. Jetzt ist es ganz kaputt. Aber was für ein Glück: dasselbe, das sowieso schon kaputt war. Ich klebe es mit 2-Komponentenkleber, es hält eine Weile. Aber dann muss ein neues her. Zum Glück des Kaufens kommt das Glück, dass es nicht so teuer wird wie erwartet, und ich muss es nicht selbst bezahlen. Das ist dreifaches Glück, kaum noch auszuhalten. Vielleicht sollte ich das Rücklicht regelmäßig kaputtfahren.

Jetzt das Glück mit den Lampen: Ich stöbere ja gerne secondhand und finde im Netz zwei moderne italienische Straßenlaternen, unbenutzt. Was ganz Feines. Solche edlen Strahler beleuchten die Weltausstellung, hab’ vergessen wo. Glücklicherweise für’n kleinen Preis. Das gibt’s sehr selten, da muss man schnell sein. Der Gärtner zögert zum Glück keine Sekunde: „Kaufen!“

Sie sind noch zu haben, was’n Glück. Und der Verkäufer wohnt nicht weit weg. Noch’n Glück. Jetzt hängen sie vorne und hinten an der Halle und machen den Hof hell. Ich bin glücklich, dass meine Dübel in der Wand halten. Die Besucher sind glücklich, dass sie abends nicht mehr in die Matschpfützen trampeln. Die Magd, die immer mehr als 12 Stunden ackert, sagt glücklich: „Jetzt kann ich im Winter auch nachts draußen die Kisten sauber machen.“ So bricht für relativ ein paar Euro eine Welle des Glücks über den Weidenhof herein.

Viel Glück im neuen Jahr übrigens, - und Gesundheit.

Gewöhnlich hole ich mir zwei kleine Grippen jährlich. Vergangenes Jahr – nix. „Das liegt an vielen Draußensein bei guter Luft“, sagt der Gärtner, so, als wäre das ganz normal. Aber nein, das viele Draußensein bei guter Luft ist auch ein Glück.

Der Gärtner hatte mal ’ne schlimme Hand mit Entzündung und richtig mit gelbem Schein, aber nach 14 Tagen war alles wieder gut. Glück gehabt. Und die Liebste vom Knecht hat sich mal ordentlich in die Hand geschnitten. Aber zum Glück ist nichts zurück geblieben.

Mehr weiß ich nicht von Kranken oder Verletzten auf’m Weidenhof. Außer jetzt zwischen den Tagen, um Weihnachten. Da hatten fast alle Schniefnasen. Aber da liegt ja zum Glück nicht sooo viel Arbeit an.

Also Gesundheit und Glück gibt es reichlich auf dem Weidenhof. Vielleicht lässt sich da ja was draus machen. Ich werde vorschlagen, Leuten, die nicht glücklich sind, ein paar Arbeitstage auf Feld und Acker anzubieten, kostenpflichtig natürlich. Sie zahlen pro Stunde 10 Euro, oder mindestens 8,50 Euro im Voraus und dürfen sich dafür draußen ordentlich betätigen und glückliche Momente sammeln. Zum Beispiel, wenn’s zwischendurch ’nen Kaffee gibt. Wenn eine Maschine so funktioniert, wie sie eigentlich soll. Wenn man im Beikraut das Gemüse noch sieht. Wenn der Hund zwar bellt, aber nicht beißt. Aber es gibt noch sehr viele andere Möglichkeiten.

Wer dann zum Feierabend, wenn er den Spaten fallen lassen darf, erwartungsgemäß glücklich ist, für den hat sich der Einsatz dicke gelohnt. Wer aber abends immer noch nicht glücklich ist, bekommt einen Teil des Geldes zurück. Zumindest das macht in dem Augenblick doch glücklich.

Es gibt von der Rücklichtgeschichte aber auch die andere Version: Das war ja am Ende meiner ersten Liefertour, ich war schon froh, dass nix passiert war, - und dann kracks. Oh Scheiße! Innerlich auf den Rückspiegel geflucht, auf die unnütze Schraube. So’n verdammtes Pech – ein paar Zentimeter zu weit zurückgesetzt. Dann nächste Woche wieder Splitter! Das ist nicht nur Pech, das ist schon höchst peinlich. So könnte ich weiter erzählen.

Kennst du die Geschichte vom Bauern, dem sein einziges Pferd, ein schöner Hengst, weglief? Die Nachbarn kamen und bedauerten ihn: „So’n Pech, du arme Sau!“

„Wer weiß?“ sagte der Bauer, „man wird sehen.“

Nach einer Woche kam der Hengst zurück und hatte drei wilde Stuten bei sich.

Die Nachbarn kamen und jubelten: „ Is’ ja obergeil, du Glückspilz!“

„Wer weiß?“ sagte der Bauer wieder, „man wird sehen.“

Der Sohn des Bauern ritt die Stuten zu. Aber eine war sehr wild und warf ihn ab. Er brach sich ein Bein.

„Ja Kacke“, sagten die Nachbarn, „jetzt hast du nicht nur den Ausfall, du musst auch noch den Doktor bezahlen. So’n Pech aber auch.“

„Wer weiß?“ sagte der Bauer, „man wird sehen.“

Dann kamen die Schergen des Königs und zogen alle jungen Männer zum Kriegsdienst ein. Nur den Sohn des Bauern nicht, der lag in Gips.

Die Nachbarn kamen und sagten: „Da hasse aber wieder Schwein gehabt!“

Na, was sagte der Bauer? „Wer weiß, - man wird sehen!“

Was ist los mit dem Glück? Wie lautet die Formel dafür? Was kostet es?

Sind die Dinge – nüchtern betrachtet – vielleicht einfach nur so wie sie sind? Ganz und gar wertfrei?

Dann ist Glück vielleicht Ansichtssache? Und die Ansicht einer Sache kann völlig unterschiedlich sein. Mal so – mal so. Ist Glück nur im Kopf, nur im eigenen Kopf? Und nirgends sonst?

Was hab’ ich doch für’n Glück, dass ich hier keine Antwort geben muss.

Das überlasse ich Frau Bernstein in Happinez. Ich will nur Geschichten erzählen. Kennst du die Geschichte von der Meisterschaft auf dem Weidenhof? Kannst du noch nicht kennen.

Musst du warten bis nächsten Monat.

Pech oder Glück? Oder ist es, wie es ist? Oder was?

Das wollte heute erzählt werden

Bohnerich