Februar 2017

Wurden wir Erstklässler damals (1959) gefragt: „Gehst du gerne zur Schule?“, sagten alle „ja“. Nur ich sagte „nein!“ Scheinbar ahnte ich etwas davon, was mir 20 Jahre lang widerfahren sollte - durch Grundschulzeit und Gymnasium bis Ende Studium: Ich musste überwiegend Stoff lernen, der mir nicht wichtig war und unter Umständen lernen, die mir nicht angenehm waren. Meine Lehrer waren überwiegend Menschen, die bei mir wenig Sympathie auslösten. Das ganze Schulsystem war mir zuwider. Um versetzt zu werden, hab' ich halt ge­paukt. Und dann, nachdem ich meinen letzten „Schein“ in der Tasche hatte, schlich sich gelegentlich die Frage ein: Und jetzt, Alter, was haste auf der Pfan­ne außer ein paar Theorien und davon den Kopf voll? Was weißt du über Bezie­hungen und wie man sie führt? Was weißt du über Krisen und wie man sie be­wältigt? Was weißt du über das Leben und das Sterben? Was weißt du über Kreativität und wie sie entsteht? Leben in Gemeinschaft, soziale Fähigkeiten, hast du darüber was gelernt?

Ich pauke schon lange nicht mehr. Aber in der zweiten Lebenshälfte und be­sonders jetzt, in Rente und am Ende meines Lebens, halte ich mich am Liebs­ten dort auf, wo ich noch etwas lernen kann. Meine Lehrer sind längst nicht mehr Menschen im Lehrerberuf, sondern alle Wesen, von denen ich tatsächlich etwas lerne. Meister sind nicht Leute mit einem Meisterbrief, sondern alle, die etwas in meisterlicher Qualität vollbringen oder abliefern. Davon möchte ich lernen. Die sind meine Lehrmeister.

Da sitzen wir, der Gärtner und ich, vor langer Zeit auf der Fensterbank am De­pot und der Bauer, damals noch Knecht im Gemüsebau, kommt an und ist rich­tig wütend. Es geht um kranke Zucchiniblätter, die, für ihn viel zu früh, vom Gärtner abgeschnitten wurden. Der Bauer schimpft. Der Zorn kommt wie Me­tall, kaum zu verdauen. Aber der Gärtner bleibt ruhig und sachlich und fängt ihn ganz weich auf. Inhaltlich kann ich mir gar kein Urteil erlauben, weiß nix Bescheid. Ich spüre nur, wie die harte Energie langsam abfließt; da treffen nicht zwei B(l)öcke aufeinander, sondern da wird Hitze durch Kühle ausgegli­chen. „Komm, wir schauen uns das noch mal zusammen an.“ Und ich sitze da und staune nur über das Meisterstück an gewaltfreier Kommunikation. Das hätte ich so nicht gebracht. Das möchte ich auch können. Da kann ich was ler­nen.

Im Sommer machen wir Heu, und die Ballenpresse hängt schon am Schlepper. Zusätzlich soll noch der Anhänger angekoppelt werden. Der Bauer fährt mit der Ballenpresse rückwärts an die Deichsel, sehen kann er nichts. Nur der Lehrling winkt ihn zurück. Als sich die beiden Gefährte fast berühren, sagt der Lehrling: „Noch zweieinhalb Zentimeter nach links.“

Da fährt der Bauer vor und erneut zurück, rangiert die Ballenpresse zweiein­halb Zentimeter nach links, die Deichsel rastet in die Kupplung. Passt wie an­geschossen.

Da darfst du nicht groß nachdenken. Das musst du aus dem Bauch heraus ma­chen. Das ist Eingebung oder was auch immer. Für mich war das meisterhaft. Und das war kein Einzelfall. So geht er mit dem Schlepper fast die ganze Zeit um.

Ich bin voller Respekt. Das würde ich gerne lernen. Und dabei geht es um mehr als nur den Trecker rückwärts zu lenken.

Vor Weihnachten haben die Schafe schon den Folientunnel bezogen. Ich gehe sie mal besuchen, sie haben neue Raufen bekommen. Da stehe ich innerhalb des Gatters, einige lassen sich beim Essen nicht stören, einige wenden sich ab, zwei große braune kommen Schritt für Schritt auf mich zu. Langsam, fast tas­tend, kommt erst das eine, dann das andere so nahe, dass ich sie streicheln kann. Das gefällt ihnen. Das eine schiebt sich links an meine Seite, das andere rechts an die Seite und fast gleichzeitig scheinen sie sich an mich zu lehnen. Und ich stehe zwischen zwei dicken braunen Wollknubbeln und mir wird ganz warm. Um die Beine und ums Herz.

Vielleicht fragst du dich jetzt: Na und, was will er davon lernen?

Dieser Tage las ich bei Peter Wohlleben, wie Bäume sich verständigen, wie sie wahrnehmen und sich gegenseitig informieren und unterstützen. Faszinierend und verblüffend. Ja glaubst du denn, Tiere verständigen sich nicht? Ich hab' keine Ahnung, was sie alles benutzen außer ihrer Stimme, ihrer Mimik und ihrer Gesten, vermute aber, sie benutzen vielleicht sogar noch mehr als ihren gan­zen Körper und alle Sinne. Und das alles benutzen sie viel eindeutiger als wir mit unserer komischen Sprache aus Wörtern, von denen wir so viele missverstehen. In dem Moment, wo sie sich an mich drücken, zeigen sie mir Vertrauen, Sanftmut, Nähe. Darin sind sie Meister. Und in Duldsamkeit. Da kann ich von ihnen lernen. Oder ich lerne das Gleichgewicht von Geben und Nehmen. Vielleicht lerne ich bei den Tieren etwas, was ich gar nicht sagen kann. Ich muss ja nicht alles sagen können. Es gibt so vieles, was wichtiger ist als der Satz des Pythagoras.

Hier hab' ich gelernt, wie Starkstrom funktioniert, wie man eine Sämaschine auseinander und wieder zusammenschraubt, dass die Quecken sich durch die Kartoffeln bohren, wenn man diese nicht pünktlich erntet, wie taube Tomaten aussehen und verrostete Petersilie, was der Bulle sagen will, wenn er mit dem Fuß kratzt. Dass das Huhn auch Eier legt, wenn es den Hahn nur von weitem krähen hört. Und dass sich in seinem Bauch vier unterschiedlich große Eier gleichzeitig entwickeln.

Im Frühling kann ich wieder Trecker fahren lernen.

Jetzt mal zum Großen und Ganzen: Der Weidenhof ist ein umfangreicher Betrieb. Alleine über 60 Gemüsearten (ohne Untersorten) wollen ausgesucht, bestellt, gesät, gepflanzt, gewässert und gepflegt, geerntet, vielleicht gelagert, geputzt und ausgeliefert werden. In der richtigen Art und Weise, zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Menge. Hier brauchst du dies, da brauchst du das, jenes ist kaputt und Kaffee ist alle. Frühmorgens bis manchmal tief in die Nacht geht das „sich-Kümmern“. Bei den Tieren ist die Pflege nicht viel anders, es ist eben nicht automatisiert, eben Handarbeit.

„Wenn ich Geld verdienen wollte, hätte ich was anderes gemacht“, hat der Gärtner gesagt.

 

Gerade höre ich Radio, die Gehälter der Manager bei VW sollen auf 10 Millionen im Jahr gedeckelt werden. Na, hoffentlich reicht ihnen das für ein gutes Leben.

Die Manager des WeidenHofs müssen mit etwas weniger auskommen.

Dabei erfordert so’n Betrieb wie dieser nicht nur ein gutes und ständiges Management, die Manager müssen auch noch selber arbeiten. Ordentlich und am besten beispielhaft, richtungweisend. Ich hatte vorher nicht die blasseste Ahnung, was da alles dranhängt an Vor- und Nachbereitung, Organisation und auch Bürokratie, die keiner hier gerne macht. Da bist du unter Umständen Gärtner und Manager und Einkäufer und Pächter und Treckerfahrer und Eventplaner und Immobilienplaner und Personalchef und Sekretär und Fotograf und Werbedesigner und Ehemann und Vater und Krankheitsvertretung und einmal in der Woche Koch für alle und zwei Wochen Urlaub. Aber nicht jedes Jahr. Und der Bauer müsste erst mal lernen, was Urlaub überhaupt ist.

Und dann musst du bei Laune bleiben. Wenn jemand ’ne blöde Bemerkung macht, musst du cool bleiben. Sachlich. Freundlich. Das klappt nicht immer. Aber wenn’s schon allermeistens klappt, ist das meisterhaft.

Und es wird ehrlich gewirtschaftet. Nicht profitmaximierend, kein Raubbau am Boden, nicht ausbeuterisch, nicht korrupt, nicht egozentrisch, ohne Allüren und Profilneurosen. Verantwortungsbewusst!

Was lerne ich da? Berufung? Hingabe? Idealismus? Bescheidenheit? Enthusiasmus, Überzeugung? Soziale Kompetenz? Ökologische Kompetenz? Das sind doch alles Worte. Worte aus dem Unterricht. Wenn du’s lebst, dann weißt du’s. Dann brauchst du nicht mehr drüber quasseln.

Ich lerne das Staunen. Da sind so viele kleine und größere Meister und Lehrer um mich herum. Sie sind nicht zu jeder Zeit Meister oder Lehrer, vielleicht nur in Situationen, wo ich offen bin für eine Lehre oder ein Meisterstück. Und sie wollen nicht lehren, sie wollen mir nichts beibringen und vor allem nichts ab­fragen. Sie tun einfach, was sie in diesem Moment tun müssen und haben in Bezug auf mich fast gar keine Absicht. Manchmal frage ich. Und sonst lerne ich einfach.

Ich hätte gerne ge­lernt, fast alles im Leben auf diese Art zu lernen.

Das wollte heute gesagt werden.

Bohnerich