Dezember 2016

Hab’ mal im Netz geschaut, was denn das Wort bedeutet.

Geweihte Nacht: gesegnete Nacht, heilige Nacht, Segen bringende Nacht;

weihen: Segen und Schutz erbitten oder jemandem seinen Segen geben.

Einweihung: jemanden mit Wissen, das nicht jeder hat oder haben darf, vertraut machen.

sich einer Aufgabe weihen: sich mit Kraft und Überzeugung einer Sache widmen, sich hingeben an eine Aufgabe.

„Bedeutet dir Weihnachten etwas?“ frag’ ich den Gärtner.

„Im religiösen Sinne nicht“, sagt er, „aber natürlich wegen der Kinder…“

Bedeutet mir Weihnachten denn etwas, ich hab’ ja nicht mal Kinder um mich?

Ich bin kein bekennender Christ, weiß Gott nicht. Und was für die meisten Leute Weihnachten ist, hab’ ich gestrichen: Geschenke, Besuche, großartiges Essen und Trinken, pompöse Dekoration, Stress, - all so was brauch’ ich nicht.

In den letzten Jahren höre und lese ich öfters den Wunsch: besinnliche Weihnachten. Das wäre wohl mein Interesse. Sinn, Besinnung, Sinnlichkeit.

Jesus, dessen angenommener Geburtstag gefeiert wird, war auch kein Christ. Aber ein Eingeweihter, ein Geweihter, also ein Heiliger (von heil = ganz), der sein Leben einer Berufung geweiht hat. Jesus ist mein Freund. Gelegentlich lade ich ihn ein. Und manchmal kommt er auch. Im Sinn.

„Weihnachten beginnt auf dem Weidenhof bei den Schafen“, sagt die Schäferin. „Wir gehen morgens zu den Schafen und zu den Kühen und singen ihnen etwas vor. Drei Stationen, drei Lieder, etwas Getreide für die Tiere, ein Punsch, ein Keks für die Menschen und gut is’.“

„Ja, da möchte ich gerne bei sein, das ist wohl mein Ding!“

Wir müssen den Ablauf und die Lieder üben, damit alles gut klappt. Ein paar Weidenhof-Mitesser werden ja auch kommen. Wir sitzen also eines Abends, ziemlich spät, nachdem die Kleine schläft, im Büro und singen die mittelalterlichen Weihnachtslieder, die die Schäferin ausgesucht hat.

„Ich bin keine gute Vorsängerin“, sagt sie und ist froh, dass niemand zuhört. Da geht die Türe auf. Unerwünschtes Publikum kommt in Person des jungen „Knechtes auf Zeit“ und setzt sich einfach dazu. Unsicherheit kommt auf, aber nutzt ja nix. Wir müssen weiter üben.

„Ich hab’ eine Geige dabei“, sagt er.

„Was? Eine Geige? Wirklich?“ Das hat bisher niemand gewusst.

Er holt das Instrument, kennt die Lieder, spielt in jeder Tonart, fehlerfrei, wunderschön. Wir singen und spielen Gitarre und Geige stundenlang, beschließen um halb zwei ins Bett zu gehen, nicht wegen Müdigkeit, aus Vernunft.

„Bist du am 24. dabei?“

„Weiß noch nicht“, sagt er.

Vor der Frage war da noch die berechtigte Hoffnung auf eine besondere musikalische Stunde, jetzt lauert der Frust schon hinter der Gemüsehalle, falls er absagt.

Drei Tage vorher sagt die Schäferin:“ Bisher haben sich 5 Leute angemeldet.“ Das gefällt mir gut. Ein kleiner Kreis, alles überschaubar, nicht zu viel Unterhaltung und Ablenkung, prima.

Einen Tag vorher sagt sie:“ Wir werden wohl 30 sein.“

„Ups. (Schluck), 30?“

Der Knecht auf Zeit sagt: „Ich bin dabei.“

Na wenigstens das!

Heilig Morgens kommen bei angenehmem Wetter 30 nette Menschen von ziemlich klein bis ziemlich groß, gut gelaunt, erwartungsvoll. Wir gehen zu den schwangeren Schafmamas in den Folientunnel. Damit die nicht weglaufen, müssen die meisten Menschen am Gatter stehen bleiben. Die Mamas laufen nicht weg. Einige kommen ganz nahe und kuscheln mit der Schäferin, während wir singen und spielen: Maria durch ein Dornwald ging. Ist vielleicht übertrieben zu sagen, dass die Schafe lauschen, aber sie sind nicht nervös, ganz zutraulich, neugierig, friedlich. Sie freuen sich natürlich wie verrückt über ihr Getreide. „Das ist für sie wie Schokolade“, sagt die Schäferin und wünscht ihnen allen, wie im Lied der Maria, eine Geburt ohne Schmerzen.

Die Kühe sind noch auf der Weide. Dort gehen wir hin. Die Weide ist groß, sie stehen entfernt von uns. Aber der Bauer hat auch ihnen etwas mitgebracht. Wir hatten uns gewünscht, dass der kräftige Bulle Nasso zu dem Lied „Es kommt ein Schiff geladen“ angewankt kommt wie ein Dampfer im Seegang. Sie kommen fast alle angewankt wie Schiffe voller Ladung. Auch der Dicke. Und die „gefährlichen“ großen Tiere mit den beeindruckenden Hörnern stehen fast im Halbkreis und einige streichelnah am Zaun, als wir zusammen das Lied singen. Ja, viele singen mit. Und es ist so was von egal, ob nun jeder Ton stimmt oder jemand zum Sänger taugt. Wir weihen dieses Lied den Rindern und die Stimmung, die dabei entsteht, ist, finde ich, sehr besinnlich.

Und der mächtige Nasso mit dem Nasenring, der nicht immer sanft und freundlich ist, steht da und hat die Ruhe weg.

Wir gehen zurück zum Stall zu den Schafmädchen, die zu jung oder zu alt sind für den Bock. Hier können viele Menschen in den Stall und Mensch Tier stehen dicht beieinander. Im Gegensatz zu den Mamas sind die Mädchen sehr vital und locker auf den Beinen.

“Als ich bei meinen Schafen wacht’ “, ist das Lied, das wir für die dicken Wollnasen singen. Sie hören zum ersten Mal eine Gitarre, zum ersten Mal eine Violine. Sie erschrecken nicht, sie hören. 30 Leute bei ihnen, um sie herum, singen. Sie erschrecken nicht, sie hören. Welche Harmonie! Welche Andacht.

„Wir müssen aber auch ein Lied für die Kinder singen“, hatte vorher jemand angeregt. Der kleine Enkel der Wollfrau erscheint zurückhaltend, fast schüchtern. „Singst du mit mir „die Weihnachtsbäckerei“?“ frage ich ihn. Ohne zu zögern sagt er ja, kann alle Strophen auswendig, singt so schön. Die Großen und die Kleinen singen mit, es ist beglückend für mich.

Das ist dann auch das Signal, Punsch und Kekse zu fassen, wunderbar leckeres Weihnachtsgebäck und Tee. Ein paar Worte werden noch geplaudert, das ist in Ordnung, das ist gut, das stört die Besinnung nicht.

„Das ist Weihnachten für mich“, denke ich. „Ganz einfach, im Stall, so innig, in enger Verbindung zwischen Mensch und Tier und Mensch und Mensch.

Ohne Stress, ohne Falsch.

Waren wir 30? Oder doch 31? Ja, da ist noch jemand. Er steht zwischen den Schafen. „Da bist du ja“, sag’ ich. „Willkommen in dieser Runde!“

Und Jesus streichelt die alte Nebla und lächelt.

Bohnerich